Die Tram in der Friedrichstraße.
Foto: imago images/Dirk Sattler

BerlinDie Corona-Krise wird den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) ein hohes Defizit bescheren. Die Einnahmeverluste sollen aber nicht dazu führen, dass die Fahrpreise erhöht werden. „Tarifsteigerungen sind derzeit nicht in der Diskussion“, sagt Rolf Erfurt, der Betriebsvorstand des Landesunternehmens, der Berliner Zeitung. Auch Angebotskürzungen seien nicht im Gespräch: „Nur wenn wir weiterhin einen dichten Verkehr zu allen Tages- und Nachtzeiten bieten, bleiben wir attraktiv.“

„Wir wurden nicht so hart getroffen wie Hotels, Gastronomie und Messen, die größtenteils überhaupt keine Einnahmen mehr verbuchten“, gibt der 47-Jährige, der im vergangenen Oktober zur BVG gekommen ist, zu bedenken. „Doch die Krise hat auch uns finanziell gebeutelt, weil uns Fahrgeldeinnahmen fehlen. Die Folgen werden wir sicher noch zwei bis drei Jahre spüren.“

Immerhin: „Momentan sind uns unsere Stammkunden noch treu“, freut sich Erfurt. Glücklicherweise hätten bisher nur wenige Abonnementskunden ihre Verträge gekündigt. Doch bei anderen Ticketarten, zum Beispiel Einzelfahrscheinen und Tageskarten, seien die Umsatzeinbußen immens. Für die Fahrpreise ist der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg zuständig. Normalerweise nehme die BVG im Durchschnitt pro Tag um die 700.000 Euro an Fahrgeld ein, coronabedingt seien es lediglich rund 200.000 Euro, rechnete Erfurt vor. „Derzeit fehlt uns im Schnitt pro Tag rund eine halbe Million Euro“, lautet seine Bilanz.  

Rolf Erfurt ist seit Oktober 2019 Betriebsvorstand der BVG.
Berliner Zeitung/ Markus Wächter

Auch die Erträge aus der Vermietung von Werbe- und Ladenflächen seien stark gesunken. „Der Markt für Außenwerbung ist von einem Tag auf den anderen zusammengebrochen“, so Erfurt. Coca Cola, bisher weltweit der größte Kunde auf diesem Markt, habe sich aus der Plakatwerbung vollständig zurückgezogen.

Die Coronakrise hat bei der BVG ebenfalls die Fahrzeuge geleert. Das lässt auch Rolf Erfurt nicht kalt. „Es hat mich schon geschmerzt, dass auf dem Höhepunkt der Pandemie nur noch wenige Menschen mit unseren Bahnen und Bussen unterwegs waren. Das war für mich ganz persönlich eine bedrückende Situation“, berichtet der BVG-Manager. „Normalerweise schaue ich von meinem Büro an der Holzmarktstraße auf eine lebendige Stadt, und plötzlich wirkte alles wie tot.“

Während des Höhepunkts der Pandemie lag die Zahl der Fahrgäste bei der BVG um rund 75 Prozent unter dem bisher üblichen Niveau. Inzwischen liegt das Aufkommen um 50 bis 55 Prozent unter dem Niveau im Vorjahr, berichtete der Betriebsvorstand. Die Berliner U-Bahn sei momentan zu 30 Prozent ausgelastet, die Straßenbahn zu 35 Prozent und der Busverkehr zu 38 Prozent.

30 Prozent mehr Graffiti

Während die Erträge gesunken sind, muss die BVG in manchen Bereichen mit höheren Kosten zurechtkommen. So sind Graffiti jetzt wieder ein größeres Problem, sagte Erfurt. Die beschmierten Flächen haben um 30 Prozent  zugenommen. Die Leere in vielen Verkehrsmitteln hat Sprayer offensichtlich ermutigt.

Der Verbrauch an Reinigungs- und Desinfektionsmitteln wurde verdoppelt. „Wir haben die Intervalle verkürzt, und das wird auch so bleiben“, so Erfurt. Auch unterwegs an den Endstellen würden Haltestangen und Drucktasten abgewischt.  

Vom Einsprayen ganzer Wagen, wie es in anderen Ländern praktiziert wurde, hält man bei der BVG jedoch nichts. „Wenn man es ernsthaft angeht, kann das dazu führen, dass ein Bus acht Stunden ausfällt", erklärte Erfurt. Meist würden Sitzpolster bei solchen Aktionen so nass, dass eine  Trockenzeit eingeplant werden müsse. Ein weiteres Gegenargument: „Wir haben recherchiert, dass im Ausland oft Substanzen eingesetzt werden, die bei uns verboten sind."

Der Krankenstand habe sich wieder normalisiert, so das Vorstandsmitglied des größten kommunalen Verkehrsbetriebs in Deutschland. An diesem Freitag waren 8,3 Prozent des BVG-Personals krank gemeldet – das sind 2,2 Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr. Das Virus hat um die BVG offensichtlich einen Bogen gemacht. Bislang wurden nur sieben von rund 15 000 Konzernbeschäftigten sind bislang wegen einer Corona-Ansteckung krank geschrieben. Davon sind drei aktuell nicht im Dienst.

Wie hoch der Jahresfehlbetrag der BVG in diesem Jahr ausfallen wird, ließe sich derzeit allerdings nur grob schätzen, sagte Erfurt. Dazu gebe es Gespräche mit dem Land Berlin. Die aktuelle Kalkulation fällt etwas niedriger aus als vor wenigen Wochen. Momentan werde das Minus auf rund 130 Millionen Euro veranschlagt, berichtete der Diplom-Kaufmann, zuvor bei der Nordwestbahn, Bombardier Transportation sowie bei Roland Berger gearbeitet hat.

„Wichtig ist, dass der Kita- und Schulbetrieb wieder normal läuft, damit unsere Mitarbeiter normal arbeiten können“, betonte Rolf Erfurt. „Während jetzt das öffentliche Leben wieder hochgefahren wird, gehen auch die Fahrgastzahlen wieder nach oben. Doch wir müssen davon ausgehen, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis die BVG das frühere Niveau wieder erreicht hat. Wir werden vermutlich erst 2022 wieder in der Normalität ankommen. Tourismus und Messebetrieb werden sich leider nicht so schnell erholen.“