Die Ungeduld wächst. Fahrradaktivisten, Grünen-Mitglieder und andere Berliner sind unzufrieden. Sie fragen die von den Grünen nominierte Verkehrssenatorin Regine Günther, die seit mehr als anderthalb Jahren im Amt ist: Wann kommen endlich die versprochenen geschützten Radspuren, Schnellverbindungen und Fahrradparkhäuser?

Am Montag nun hat Günther eine Zwischenbilanz gezogen. Ihr Fazit: Viel wurde geschafft – „aber die Abläufe sind immer noch schwerfällig. Sie sind das Nadelöhr.“ Weitere Verzögerungen zeichnen sich ab. Ebenfalls am Montag ging die Diskussion um Radler, die sich nicht an Regeln halten, weiter. Die Fußgängerlobby forderte spürbar höhere Bußgelder.

Bevor etwas für Radfahrer gebaut werden kann, sind viele Akteure zu fragen und zu beteiligen: die Verkehrslenkung und andere Behörden, Polizei, Feuerwehr. „Wir müssen zu schnelleren Verfahren kommen“, so Günther. Bislang vergehen zwischen dem Planungsbeginn und der Markierung von Radspuren im Schnitt drei Jahre. Manchmal sind es zehn.

Personal- statt Geldmangel

An Geld mangelt es – anders als früher – nicht. Der rot-rot-grüne Senat hat die Mittel aufgestockt. Doch wie viel Geld tatsächlich abgerufen und verbaut wurde, konnte die Senatorin nicht sagen. Nur so viel: „Dass wir 2017 und 2018 signifikant mehr ausgeben werden, war nicht erwartbar.“

Das liege daran, dass weiterhin Personal fehlt. Zwar habe es die Senatsverwaltung geschafft, alle zehn neuen Stellen für den Radverkehr zu besetzen, teilte Günther mit. Doch in den Bezirken seien von den 24 neuen Arbeitsplätzen immer noch zirka sechs unbesetzt. Die infraVelo, die sich um bezirksübergreifende Projekte kümmert, konnte knapp die Hälfte ihrer 30 Arbeitsplätze bestücken, die neue Koordinierungsstelle des Senats eine von drei Stellen.

Ganz oben auf der Forderungsliste stehen geschützte Radfahrstreifen: möglichst breite Radspuren, bei denen Poller am Rand dafür sorgen sollen, dass Autos dort nicht fahren oder parken können. „Ende September wird Berlins erster geschützter Radfahrstreifen fertig gestellt“, so die Verwaltung. Er verläuft auf der Nordseite der Holzmarktstraße in Mitte: grün unterlegt, 3,50 Meter breit und mit 50 Zentimeter Abstandsbereich.

Die Hasenheide, Hauptverkehrsstraße in Neukölln, wird einen zwei Meter breiten geschützten Radstreifen bekommen, bekräftigte Günther. Er sollte in diesem Frühjahr fertig sein, nun heißt es nur noch: 2018.

Radparkhaus am Hauptbahnhof

Ein weiteres Projekt verzögert sich. Wo in der Frankfurter Allee in Friedrichshain heute noch Autos stadtauswärts fahren, soll ebenfalls ein geschützter Radfahrstreifen entstehen – aber nicht 2018, wie zuletzt mitgeteilt, sondern wahrscheinlich 2019, wie die Senatorin berichtete.

Apropos grüner Teppich für Radfahrer: Zunächst werden 2018 und 2019 bis zu 20 Kilometer bestehende Radstreifen grün beschichtet und so besser kenntlich gemacht, plant die infraVelo. Zu den ersten Projekten, die ausgeführt werden sollen, zählen die Warschauer, Proskauer und Katzbachstraße in Friedrichshain-Kreuzberg. Ebenfalls auf der Liste: die Greifswalder, Wisbyer-, Schloß-, Rhein-, Invaliden- und Lahnstraße.

Im März 2021 soll am S-Bahnhof Zehlendorf ein Radparkhaus mit 122 Stellplätzen fertig werden, so Günther. Eine interne Liste enthält weitere Projekte. Für das Fahrradparkhaus Ostkreuz soll die Machbarkeitsstudie bis Ende 2018 vorliegen. Für ein Parkhaus in Pankow läuft die Vorabstimmung mit dem Bezirksamt, die Projektidee für ein Radparkhaus am Hauptbahnhof liegt Günther vor.

Senioren haben Angst

Auch die Planung der Radschnellverbindungen gehe voran, ergänzte Günther. Für drei Strecken beginnen nun die „finalen Machbarkeitsstudien“: für die Y-Route entlang der A113 im Südosten, für die Teltowkanalroute im Süden und die Königsweg-Route im Südwesten der Stadt. Geplanter Baubeginn: 2021. Im Jahr darauf sollen sie fertig sein. Auch im Westen was Neues: Laut infraVelo beginnt Ende 2019 der Bau des ersten Teilabschnitts des Spree-Radwegs, der nach Spandau führen soll.

Nach und nach wächst das Radverkehrsnetz. „Doch alle Maßnahmen helfen nicht, wenn es nicht gelingt, ein Bewusstsein für gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme zu fördern“, sagte Eveline Lämmer vom Landesseniorenbeirat am Montag im Innenausschuss. Gerade ältere Menschen fühlten sich belästigt und bedroht von Zweirädern, die auf Gehwegen fahren oder parken. „Die Zahl der Lastenräder, Leihräder, Elektroroller nimmt zu. Wir fordern, dass Gehwege sichere Orte sind.“

Radfahrer sind "lästig"

Zwar würden nur wenige Fußgängerunfälle von Radfahrern verursacht, sagte Roland Stimpel vom Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS). 2017 betrug der Anteil in Berlin gerade einmal sieben Prozent. Von den 13 Fußgängern, die im Vorjahr bei Verkehrsunfällen starben, wurde einer von einem Radfahrer tödlich verletzt – die anderen von Kraftfahrzeugen. Trotzdem gelten Radfahrer als „lästigste Gruppe, die Fußgänger am häufigsten verstört und in ihrer Mobilität hemmt“.

Stimpel forderte, das Bußgeld für Radfahren auf Gehwegen von derzeit 15 bis 30 auf 60 Euro zu erhöhen: als Strafe für Gehweg-Missbrauch. „Wer mehrmals 60 Euro zahlen musste, wird es sich überlegen, ob er noch mal auf dem Bürgersteig fährt.“