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Sechs Jungen flitzen auf ihren Fahrrädern durch die Hofeinfahrt, dann kommen auch schon die anderen. Mit der Ruhe ist es in dem begrünten Hinterhof in Kreuzberg in den nächsten fünf Stunden vorbei. Es ist Dienstag, 15 Uhr, Zeit für die Fahrradwerkstatt von Lars-Helge Kriener. „Hi Lars“ rufen sie, manche geben dem 30-Jährigen die Hand. Die Jungen beginnen sofort mit der Arbeit, sie ölen Bremsen, schrauben Pedale an, stellen die Gangschaltung ein. „Hier gibt es keinen Imbus“, sagt einer und wühlt im Werkzeugkasten. „Nicht wieder alles durcheinander schmeißen“, mahnt der Fahrradmechaniker. „Ist dieser Felgen gut?“, fragt ihn ein anderer Junge. „Das ist ein Reifen.“

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Einmal die Woche treffen sich im Jugendzentrum Naunynstraße etwa 15 Jungen, die meisten zwischen 10 und 15 Jahre alt. „Sie hatten vorher kein Fahrrad“, sagt Kriener. „Ich biete den Kindern an, mit mir Räder zu reparieren. Dafür kriegen sie eins geschenkt.“ Voraussetzung dafür sei, dass sie wiederkommen und weiter mithelfen. „Kann ich bitte auch Fahrrad machen“, fragt Mohamad, ein 13-Jähriger Junge mit einer großen Brille, der ein bisschen später gekommen ist. „Dafür musst Du um 15 Uhr hier sein. Ich kann jetzt nicht weg, um eins zu holen“, sagt Kriener. Mohamad will nächste Woche wieder da sein. Pünktlich. Er wünscht sich ein Fahrrad. Am besten ein Mountainbike. „Fahren ist besser als laufen“, sagt er.

Räder von der BSR

Kriener ist selbst ein passionierter Fahrradfahrer. Er setzt sich regelmäßig in sein Auto, um Hausverwaltungen, die BSR oder Werkstätten abzugrasen. Sie überlassen ihm nicht mehr benötigte alte Räder, doch gegenwärtig wird es knapp mit dem Nachschub. „Ich könnte noch einige Fahrräder gebrauchen.“

Vor drei Jahren fing er mit der Kinder- und Jugendwerkstatt an, der 13-jährige Ali war einer der ersten, die mitmachten. Er ist jede Woche hier, seine Mutter bringt inzwischen oft selbst gebackene Pizza vorbei. „Ich helfe Freunden oder mache kleine Verfeinerungen an meinem Rad“, sagt Ali. Aber er stellt auch Schmuck oder Lampen aus alten Fahrradteilen her. Die Kinder sollen lernen, dass man fast alles wiederverwerten kann, sogar alten Schrott.

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Alle Jungen hier haben ausländische Wurzeln. Untereinander unterhalten sie sich auf Arabisch oder Türkisch. Deutsch sprechen sie nur mit Kriener, obwohl die meisten die Sprache sehr gut beherrschen. „Manchmal wünschte ich mir, ich könnte zumindest Türkisch“, sagt der junge Mann. „Das würde meine Autorität stärken, und ich würde mitbekommen, wenn sie Schimpfwörter benutzen.“ Auch einen respektvollen Umgang miteinander sollen die Kinder in der Fahrradwerkstatt einüben. Ihr Alltag auf der Straße sei durch Einschüchterung und Gewalt geprägt, sagt Kriener.

Mädchen sind in der Werkstatt nicht dabei. Ob ihre Schwestern nicht auch Lust hätten, Fahrrad zu fahren, fragt Kriener. Eine Antwort bekommt er nicht. „Bei vielen Eltern ist kein Geld dafür da, oder sie halten es für zu gefährlich“, sagt er. Zudem sei Fahrradfahren in manchen Kulturkreisen nicht verbreitet. „Spätestens mit 17 Jahren interessieren sich die Männer nicht mehr fürs Fahrrad. Ihr Ziel ist ein dickes, großes Auto.“

Doch bei den Kindern stößt Kriener auf großes Interesse. „Ich sehe immer mehr meiner Jungs im Kiez rumfahren“, sagt er. Ali wohnt gleich um die Ecke in der Waldemarstraße. „Manchmal fahre ich sogar bis zur Möckernbrücke oder zum Alexanderplatz“, sagt er. Den weitesten Ausflug hat er mit Kriener und den anderen Jungen neulich zum Teufelsberg gemacht. Sie waren zuvor noch nie dort gewesen, und es war auch das erste Mal, dass sie durch einen Wald und dann einen Berg hoch gefahren sind. Beim Fahrradfahren gehe es nicht nur um Mobilität. „Es hat auch viel mit Eigenständigkeit, Freiheitsgefühl und Entdeckergeist zu tun“, sagt Kriener.

Markt für Recycling-Kunst

Auch im Prinzessinnengarten am Moritzplatz hat Kriener eine Werkstatt. Jeden ersten Samstag im Monat macht er dort beim Re-Use-Tag mit, einem Markt für Recycling-Kunst. Er zeigt dann, wie man etwa aus Fahrradschläuchen Hängematten herstellt. Ali ist regelmäßig mit von der Partie. Darüber hinaus bietet Kriener in drei Kreuzberger Schulen Fahrrad-AGs an. In den Schulen versucht er, auch Mädchen fürs Fahrradfahren zu gewinnen. „Ich erreiche sie über den Schmuck, den wir ebenfalls basteln.“ Mädchen seien häufig davon abgeschreckt, dass sie sich in der Werkstatt schmutzig machen. „Aber im Umgang mit Farbe und Holz sind sie teilweise viel besser als Jungen.“

Kriener ist in Steglitz groß geworden, seit 2010 lebt er an der Neuköllner Grenze zu Kreuzberg. „Früher hatte ich nicht viel Kontakt zu anderen Kulturen. Erst meine Reisen haben mir die Augen geöffnet.“ Die haben ihn bis nach Bolivien und Mexiko geführt. Natürlich mit dem Fahrrad.

Wer alte Fahrräder abgeben will, erreicht Lars-Helge Kriener unter:

www.larsitos.de.