Bevor die Erholung beginnt, wird es erst mal stressig. Immer mehr Reisende nehmen ihr Fahrrad in den Regionalzug, in die S- oder U-Bahn mit – was nicht selten Chaos und Ärger bedeutet.

Neue Daten des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) zeigen, dass die Zahl der verkauften Fahrradtickets stark gestiegen ist. „Gut, dass immer mehr Menschen Zug und Fahrrad kombinieren“, sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel, der die Daten angefordert hatte. Nun müsse in den Zügen mehr Platz geschaffen werden – aber damit ist in dieser Region nicht zu rechnen.

Die Verkaufszahlen haben sich in der Tat gut entwickelt. So wurden im vergangenen Jahr mehr als anderthalb Millionen Fahrradtickets für Einzelfahrten in Berlin und Brandenburg gelöst – das sind rund 36 Prozent mehr als im Jahr 2008.

Lob von der Radler-Lobby

Die Zahl der verkauften Fahrrad-Monatskarten stieg in diesem Zeitraum auf rund 174.000 – um 40 Prozent. Auf dem nächsten Platz folgen die Fahrrad-Tageskarten, bei denen der Absatz auf zirka 87.000 stieg – ein Zuwachs um fast 74 Prozent. Einzeltickets für Berlin stoßen auf die größte Nachfrage, sie wurden allein im vergangenen Jahr 963.000 Mal gekauft.

Auch immer mehr Brandenburg-Ausflügler nehmen ihr Rad mit. Susanne Henckel, Chefin des Verkehrsverbunds, ist eine von ihnen. Der Trend der Verkaufszahlen sei „sehr erfreulich“, schrieb sie Gastel. Der Umwelt blieben viele Autofahrten erspart. Aber sie weiß auch um die negativen Folgen: „Kapazitätsengpässe in den Verkehrsmitteln stellen uns vor großen Herausforderungen“, so Henckel.

Diese Herausforderungen müssen endlich ernst genommen werden, entgegnet Gastel. „Politik und Bahnunternehmen müssen durch attraktive Angebote dazu beitragen, dass künftig noch mehr Menschen mit Rad und Bahn klimafreundlich unterwegs sein können“, fordert das Mitglied des Bundestags-Verkehrsausschusses. „Hierfür ist in den Zügen mehr Raum nötig.“

Doch in dieser Region verlief die Entwicklung teilweise in die andere Richtung – Kapazität wurde zum Teil eingeschränkt. So wurden geräumige Doppelstockzüge durch beengte Triebwagen ersetzt. Auf der stark frequentierten Regionalexpresslinie RE 2, die den Spreewald mit Berlin und Wismar verbindet, ging die Zahl der Fahrradstellplätze ebenfalls spürbar zurück. Die Fahrzeug-Anforderungen stammen vom VBB, der die Ausschreibungen im Regionalzugverkehr organisiert.

Modellprojekt „Rad im Regio“

Zusätzliche Züge oder gar Fahrradwagen, wie es sie früher gab, sind nicht geplant – auch keine zusätzlichen Wagen, sagte Eike Arnold vom VBB. „Das sagt sich so einfach. Wagen stehen nicht einfach so auf dem Hof herum“, sagte er. Es gebe Jahreszeiten und Streckenabschnitte, auf denen der Bedarf nicht so groß sei wie anderswo. „Nachfrage und Angebot müssen in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen.“

Der VBB geht das Problem anders an. Mit den Ländern begann er im Frühjahr auf vier Strecken das Modellprojekt „Rad im Regio“. Um mehr Platz zu schaffen, wurden in den Zügen der Linien RE 2 und RE 4 jeweils 18 Klappsitze ausgebaut. In den Zügen auf den Linien RE 3 und RE 5 ließ man jeweils sieben Klappsitze arretieren. Aufkleber in und an den Zügen weisen den Weg, auch die VBB-App und Schilder auf den Bahnsteigen lenken Reisende mit Rad. Im November will der VBB, der das Angebot gern ausweiten würde, eine erste Auswertung vorlegen.

„Wir haben viele positive Rückmeldungen“, so Arnold. „Das zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Ein Lob gibt es auch vom Allgemeinen Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). Oft gebe es Stress, weil Klappsitze in Mehrzweckabteilen von Reisenden ohne Rad besetzt werden. „Die deutliche Kennzeichnung schafft Abhilfe“, sagt ADFC-Sprecher Nikolas Linck. Nun müssten weitere Strecken einbezogen werden. Linck: „Rad im Regio ist nur ein Anfang – aber mit guten Ideen.“