Ist es richtig, die Berliner aufzufordern, ihr Auto abzuschaffen? Ja, ohne Wenn und Aber! Denn die Grenzen des Wachstums bei der Zahl der Autos und Lkw in Berlin sind längst überschritten.

Um mehr als 15.000 Kraftfahrzeuge wächst der Bestand jedes Jahr. Bei vier Millionen Einwohnern wären 150.000 zusätzliche Autos zu verkraften, die Parkplatzflächen von der Größe eines Tempelhofer Feldes benötigen. Ausschließlich legal beparkte Straßen sind schon heute die Seltenheit. Wer will schon mehr Stau und weniger freie Parkplätze? Autofahrer müssten schon aus egoistischem Eigeninteresse die Verkehrssenatorin beknien, möglichst viele andere Autofahrer aufzufordern, ihr Auto abzuschaffen.

Wären da nicht auch noch Fahrverbote, weil zu viele Autos an Messstellen ihre Ausdünstungen hinterlassen. Oder die Klimakrise, weil zu viele Autos Megatonnen Kohlendioxid in den Himmel blasen, die unser Wetter zum Kippen bringen – im vergangenen Hitzesommer standen die Waldbrände kurz vor den Toren Berlins. Keiner hört gerne den tosenden Lärm der Straßen in seinem Vorgarten oder mag seine Kinder noch mehr Autos und Lkws aussetzen.

Für das Abschaffen von Autos in Berlin braucht es Alternativen

Abgesehen davon: Die 1,2 Millionen Pkw, die derzeit in Berlin zugelassen sind, entziehen der Öffentlichkeit Fläche – die zum Beispiel für billiges Wohnen fehlt. Ja, es ist richtig, die Berliner aufzufordern, ihr Auto abzuschaffen. Ein Jammer, dass die Verkehrssenatorin Regine Günther zwei Jahre brauchte, um solch einfache Sätze auszusprechen. Sätze, die der von ihr entlassene Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner schon vorher en passant in die Debatte einbracht hat – wofür er von ihr einen Maulkorb verpasst bekam.

Aber: Für das Abschaffen braucht es Alternativen. Kann ich sicher und entspannt mit dem Rad fahren? Sind 4000 Kilometer Radwege bis 2030 gebaut, gilt freie Wahl für freie Bürger? Empfinde ich keine Sorgen, lasse ich auch meine Kinder wieder aufs Rad – das Elterntaxi wird überflüssig. Die Minderheit der Autobesitzer unter den zwei Millionen Innenstadt-Einwohnern wird zunehmend vergessen, wo ihr Auto parkt, weil das Rad zu oft die bessere Wahl war. Laut Statistik ist jeder zweite Weg nicht mal fünf Kilometer lang.

Autofahrer aus den Außenbezirken vergrößern Probleme der anderen Berliner

Verkehrsprobleme in der Stadt sind auch außerhalb zu lösen. Die Staus bilden sich durch zu viele Autos vor allem in den Zufahrtstraßen, in der Stadt spürt man sie kaum. Der Aufschrei kommt denn auch mehr von den Zehlen- oder Reinicken-Dörflern, die als egoistische „Vorstadtschmarotzer“ in den Villen-und Eigenheimgegenden im Grünen bei frischer Luft leben. Unbewusst – aber gleichzeitig zwangsläufig – vergrößern die Autofahrer aus den Außenbezirken mit ihrer Automobilität die Probleme der anderen Berliner.

Auch die Bewohner der Außenbezirke brauchen Alternativen, die der Berlin-Standard im Mobilitätsgesetz längst gesetzlich vorschreibt: 100 Kilometer Radschnellwege morgen und nicht erst 2027, 50.000 Bike-and-Ride-Plätze, die bis 2025 verpflichtend zu bauen sind, um mit dem Radel zur Bahn zu fahren und sich dann gemütlich Berliner-Zeitung-lesend in die Stadt chauffieren zu lassen. 4000 Kilometer Radwege in der Stadt, damit auch die letzten Urbanisten aufs Rad umsteigen. Wäre ich Autofahrer, würde ich möglichst viele Freunde und Kollegenüberreden, ihren Wagen abzuschaffen und aufs Rad umzusteigen.

Das Mobilitätsgesetz ist Berlins bestes Anti-Stau-Programm

Spät abends in der Innenstadt sind tatsächlich fast nur noch Taxis unterwegs, denn dort haben viele ihr Auto schon längst abgeschafft. Am Alexanderplatz haben sich die Kfz-Bewegungen in den vergangenen 20 Jahren halbiert. In vielen anderen Städten schrumpft der Kfz-Verkehr ebenfalls. Wie also sagen wir’s denen draußen in den Außenbezirken und vor der Stadt, dass wir sie mit ihren Autos nicht mehr im Zentrum wollen, dass ist Stau-Selbermachen-Spiel gerne draußen spielen dürfen?

Der Berlin-Standard, das Mobilitätsgesetz, ist Deutschlands bestes Anti-Stau-Programm. Dieses schneller als die Pflicht umzusetzen, ist die beste Einladung, das Auto abzuschaffen.