Vor mehr als 30 Jahren hat Ulrike Saade ihr Auto verkauft und ist aufs Rad umgestiegen. Damals stieg sie in einen alternativen Fahrradladen in Schöneberg ein. Heute ist Saade Inhaberin der Berliner Agentur Velokonzept. Sie berät Unternehmen, Politik und Verwaltungen in Fragen rund um den Radverkehr und organisiert Messen – darunter die Velo Berlin, die Ende März stattfindet.

Frau Saade, Partnerland der Velo Berlin ist in diesem Jahr Dänemark. Was kann Berlin denn von der dortigen Radverkehrspolitik lernen?

Sehr viel. Der Anteil des Radverkehrs in Kopenhagen liegt heute bei über 30 Prozent, das ist doppelt so viel wie in Berlin, und er soll weiter steigen auf 48 Prozent. Dafür hat die Stadt auch viel getan. Es gibt Fahrradschnellwege, man hat sehr viel Platz geschaffen für Stellplätze in der Innenstadt. Übrigens ist das in Dänemark auch ein völlig unideologisches Thema. Es herrscht Einigkeit über die Parteigrenzen hinweg, dass der Radverkehr gefördert werden muss. Häufig geht es ja auch um vergleichsweise günstige Maßnahmen.

Berlin dagegen kommt nicht voran, wenn es darum geht, bessere Bedingungen für Fahrradfahrer zu schaffen. In einem Ranking des ADFC zur Fahrradfreundlichkeit steht die Stadt auf dem 24. Platz. Was läuft hier verkehrt?

Also, den 24. Platz finde ich ungerecht. Im internationalen Vergleich steht die Stadt ganz gut da, der Anteil der Radfahrer ist viel größer als in den meisten anderen europäischen Metropolen. Aber die Bedingungen sollten trotzdem erheblich besser sein, das stimmt. Ein Teil des Problems ist, dass die Zuständigkeit für den Radverkehr bei den Bezirken liegt. Einige widmen sich dem Thema mit großem Elan, Pankow beispielsweise. Andere legen sehr viel weniger Eifer an den Tag.

Was müsste denn konkret geschehen?

Es müsste ein Etat für den Radverkehr bereitgestellt werden, der in Relation zu den Ausgaben für andere Verkehrsmittel steht! Damit sollten vor allem Maßnahmen finanziert werden, die für mehr Sicherheit sorgen. Zum einen für die Radfahrer selbst – an vielen Stellen sind sie im Berliner Verkehr in Gefahr, das hat auch die Online-Befragung des Senats im vorigen Jahr gezeigt. Zum anderen haben wir ein Problem mit Stellflächen für Räder. An vielen Stellen in der Stadt gibt es zu wenige Möglichkeiten, sein Fahrrad anzuschließen – entsprechend viel wird dort geklaut.

Was kann man da tun?

Wenn man diese Probleme lösen möchte, dann kommt man nicht umhin, den Platz auf den Straßen anders zu verteilen – vom Auto- zum Radverkehr. Aber das ist in Deutschland leider ein sehr ideologischer Konflikt. In Dänemark ist man ganz pragmatisch: Das Auto ist Privatbesitz, also muss sich jeder selbst um einen Parkplatz kümmern. Darüber herrscht breites Einverständnis, und darum ist es in Kopenhagen auch kein Problem, Parkplätze umzuwandeln in Radwege oder Fahrradstellflächen.

Viele Städte realisieren auch spektakuläre Projekte. In Münster gibt es ein Fahrradparkhaus, in Freiburg baut man Fahrradautobahnen. Braucht Berlin so etwas auch?

Das wäre nicht schlecht. Solche Leuchtturmprojekte sorgen für Aufmerksamkeit, sie bewegen Menschen dazu, ihr Verhalten zu ändern. Aber natürlich reicht das nicht, um eine gute Fahrradstadt zu sein. Die kleinen Dinge sind genau so wichtig – gute Ampelschaltungen beispielsweise. Und da gibt es in Berlin noch Nachholbedarf.

Das Gespräch führte Frederik Bombosch.