Auf meinem Balkon steht ein Fahrrad. Es ist ein schönes Fahrrad, es hat einen alten Rahmen, der cremeweiß lackiert ist, die Griffe und der Sattel sind aus braunem Leder, ich habe auf der Straße schon von wildfremden Menschen Komplimente für diese Kombination bekommen. Wenn ich mich richtig erinnere. Es ist schon eine Weile her, dass ich mit dem Rad auf der Straße war.

Ich habe es vor etwa acht Jahren von einem Mann gekauft, der in Kreuzberg eine asiatische Kampfsportart unterrichtete und nebenbei an alten Fahrrädern herumbaute, bis sie so gut aussahen, dass man sie in seiner Wohnung ausstellen konnte. Das machen viele Berliner, ich finde das albern, wollte das Rad aber trotzdem haben. Nicht, um es auszustellen, sondern um es zu fahren. Der Kampfsportlehrer brauchte unglaublich lange, bis es ganz fertig war, er verbesserte noch ein Detail hier, eins da. Es war Frühling, so wie jetzt, ich wurde ein bisschen ungeduldig.

Radfahren in der Innenstadt erschien mir wahnsinnig

Es war mein erstes Fahrrad in Berlin. Die Räder, die ich als Kind in Karlshorst gefahren habe, zählten nicht, ich kam auf ihnen nicht viel weiter als bis an die andere Seite des Wäldchens, hinter dem wir wohnten, höchstens bis zum S-Bahnhof. Als ich zu Hause auszog, ließ ich das letzte Rad im Schuppen stehen und schaffte mir nie ein neues an. Radfahren in Berlin, in der Innenstadt, das erschien mir wahnsinnig, obwohl fast alle meine Freunde es machten, später meine Kollegen. Sie erzählten mir abwechselnd von ihren Unfällen oder Beinaheunfällen und davon, wie schnell sie dank Rad überall waren. Ich ließ den Quatsch.

Bis ich das cremefarbene Rad sah. Ich wollte auf einmal ein Teil der Verkehrswende sein. Moderne Großstadtmenschen fahren Rad. Jeder Ami, der neu nach Berlin zog, bekam das hin und schwärmte auf Partys davon. Das Freiheitsgefühl!

Als ich das Rad endlich abholen konnte, kaufte ich eine schwere Kette und einen Helm dazu. Inzwischen waren Sommerferien, weniger Verkehr als sonst, ich wagte mich auf die Straßen. Das Rad bekam Komplimente. Ich war schnell überall. Und kam gestresst an. Als die Ferien vorbei waren, wurde es noch schlimmer. Ich wohne in Kreuzberg, SO36, ich muss über die Köpenicker, die Skalitzer oder die Schlesische Straße, um an irgendein Ziel zu gelangen. Schwer zu sagen, auf welcher dieser Straßen es sich am unangenehmsten fährt.

Die Pandemie und die Pop-up-Radwege

Nicht nur Autos, auch andere Radfahrer zogen viel zu dicht an mir vorbei. Vor allem Männer in Funktionsjacken, an deren Rädern große Taschen hingen, vielleicht mit Wechselkleidung fürs Büro, manchmal schüttelten sie leicht den Kopf, weil eine Sonntagsfahrerin wie ich den Berufsverkehr aufhielt. Ich habe den Verdacht, es sind dieselben Männer, die in den sozialen Netzen sehr wütend werden, wenn man Zweifel daran äußert, ob wirklich jeder Berliner seinen Arbeitsweg mit dem Rad bewältigen kann. Zwanzig Kilometer, zweimal am Tag, wo soll denn da bitte das Problem liegen?

Mein Arbeitsweg ist kaum fünf Kilometer lang, ich fuhr ihn zwei Jahre lang morgens und abends, bei gutem Wetter, was ich an Zeit sparte, büßte ich an Nerven ein. Als die Pandemie begann, wollte ich mehr mit dem Rad fahren, nicht ins Büro, sondern zum Spaß, aber die Straßen waren nicht leerer, sondern voller geworden.

Mit Autos und mit Rädern. Es gab jetzt Pop-up-Radwege, ständig wurde von der Verkehrswende geredet, aber in Berlin starben noch mehr Menschen bei Fahrradunfällen als vor der Pandemie. Ich stellte mein Rad auf den Balkon, nicht wie ein Ausstellungstück, eher wie ein Mahnmal. Für meinen gescheiterten Versuch, Teil der Verkehrswende zu werden.

Wiebke Hollersen ist Redakteurin bei der Berliner Zeitung.  Haben Sie eine Meinung zu ihrem Text? Schreiben Sie uns an briefe@berliner-zeitung.de