Berlin - Jetzt, da es wieder zeitig dunkel wird, heißt es, noch besser aufzupassen bei der frühabendlichen Fahrt mit dem Rad. Bei schlechten Sichtbedingungen kann schnell unerwartet ein Auto auftauchen oder man selbst übersehen werden. Also: Gewissenhafter Schulterblick und Handzeichen vor dem Passieren des in zweiter Reihe abgestellten Autos eines Pizzafahrers und ebenso vor dem Einlenken auf die Linksabbiegerspur.

Dort holt ein anderer Radfahrer auf, der die selbstverständlichen Manöver von hinten beobachtet haben muss. Jedenfalls sagt er, Mitte 50, mit drahtiger Figur und verwegenem Grinsen: „Du musst nicht so ängstlich sein!“ Er sieht wohl das Fragezeichen im Gesicht und legt nach: „Die müssen warten, Du musst nicht so defensiv fahren!“

Von Fremden auf der Straße belehrt zu werden, ist für sich genommen ja schon nichts, worauf man den ganzen Tag wartet. Potenziert wird diese Malaise, wenn die Predigt aus purem Unsinn besteht.

Fahrradfahren im Dunkeln: Lieber noch mal ein Handzeichen geben 

Anstelle eines unverbindlichen und einer Fortsetzung vorbeugenden „Okay“ rutscht als Entgegnung leider heraus, dass es schon stimme mit den gleichen Rechten für Radler, was aber auch gleiche Pflichten bedeute und einschließe, einen Fahrbahnwechsel anzuzeigen, statt einfach die Spur zu ändern, damit womöglich andere zu einer Vollbremsung zu zwingen und potenziell alle in Gefahr zu bringen.

Er schüttelt den Kopf, hebt einen Zeigefinger in die Luft und schließt dabei die Augen wie eine altkluge Comicfigur. „Nein“, sagt er und setzt eine dramatische Pause, „DIE müssen aufpassen!“ Da sei was dran, folgt die Gegenrede, denn aufpassen müssten alle, erst recht bei einem Wechsel in die Spur anderer Verkehrsteilnehmer.

Abgesehen davon mache es keine Mühe und was spreche überhaupt für den Verzicht der Geste, wenn doch nichts zu gewinnen sei, dafür aber die Aussicht bestehe, dank einer hemmungslosen Fahrweise selbst im Krankenhaus zu landen?

Ein Fragezeichen nun auf seinem Gesicht. Er schüttelt noch einmal leicht den Kopf, sein Grinsen ist mittlerweile verächtlich. Den Hinweis, dass am Konkurrenzdenken des alltäglichen Straßenverkehrs schon auch manche Radfahrer ihren Anteil trügen, würdigt er nicht mal mehr mit einem Kopfschütteln. Die Ampel zeigt Grün. Lieber noch mal ein Handzeichen geben.