Ein Spitzenplatz sieht anders aus. Beim Fahrradklimatest 2014, einer bundesweiten Umfrage, hat Berlin erneut schlecht abgeschnitten. Auf einer Schulnotenskala von 1 bis 6 wurde die Hauptstadt mit einer 4,07 bewertet. Das reichte in der Kategorie der Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern nur für den 30. von 39 Plätzen. „Die Berlinerinnen und Berliner sind unzufrieden“, sagte Eva-Maria Scheel, Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).

Was am Donnerstag während der Preisverleihung im Bundesverkehrsministerium aus anderen Orten berichtet wurde, konnte Berliner neidisch machen. So entstand in Wuppertal für 32 Millionen Euro (zum Teil aus Spenden) ein Radschnellweg, der sich 20 Kilometer weit kreuzungsfrei durch die Stadt zieht. In Bocholt fördert die Stadt den Kauf von Fahrradanhängern, damit mehr Bürger zum Einkaufen radeln. In Göttingen gibt es „Doppel-Zebrastreifen“, die auch Radler sicher über die Fahrbahn führen.

Lange Mängelliste

Das Trio gehörte zu den 24 Städten, die ausgezeichnet wurden. Die Gewinner haben meist zwei Merkmale: Sie haben eine mutige Verwaltung, und der Fahrradverkehr ist Chefsache. „In Berlin ist dieses Thema leider keine Chefsache“, sagte Eva-Maria Scheel. Vom neuen Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) war kein Bekenntnis zum Radverkehr zu hören. 2013 bekam die Hauptstadt die Gesamtnote 4,01. „Nun ist sie von Rang 24 auf Platz 30 gefallen, eine deutliche Verschlechterung“, so Scheel.

3814 Berlinerinnen und Berliner haben an der Umfrage teilgenommen. Sie ärgerten sich darüber, dass oft Fahrräder gestohlen (Note 5,1) und zugeparkte Radwege (5,3) geduldet werden. Negativ bewertet wurde auch, dass Radwege zu schmal sind (4,8) und im Winter nicht geräumt werden (4,9). Auch fühlen sich viele Radfahrer in Berlin gefährdet (4,4). Es gab aber auch Benotungen, die besser waren als der Durchschnitt. So sei in Berlin das Stadtzentrum gut zu erreichen (2,6) . Es gebe viele Radfahrer (2,5), und sie kämen zügig ans Ziel (2,7).

„Absichtserklärungen von Politik und Senat reichen nicht aus“, so Scheel. Die Verwaltung müsse endlich mehr Personal bekommen, damit die „ohnehin bescheidenen Gelder“ auch verbaut werden können. Nicht nur die Tiefbauämter der Bezirke seien überlastet: In der Senatsverwaltung gibt es nur eine einzige Stelle, die ausschließlich dem Radverkehr gewidmet ist. Auch im vergangenen Jahr blieben wieder Projekte liegen, geht aus einer internen Liste hervor – zum Beispiel in Friedrichshain (Revaler Straße) sowie den Bezirken Pankow (Kniprodestraße, Granitzstraße) und Lichtenberg (Seddiner Straße).

Auf dem Papier stehen für neue Radverkehrsanlagen pro Jahr vier Milionen, für Sanierung zwei Millionen Euro zur Verfügung. Doch von den Neubaugeldern hatte das Parlament bis vor kurzem 1,5 Millionen Euro gesperrt – auch das hat diverse Vorhaben bis jetzt blockiert.

Stefan Gelbhaar (Grüne) sprach von einer „Radverkehrsverweigerungspolitik des Senats“. Die Situation sei „desaströs“, sagte Andreas Baum (Piraten). „Die wenigen Mittel wurden 2013 und 2014 nur zu zwei Dritteln ausgeschöpft.“

In beiden Jahren kamen 28 Kilometer neue Radverkehrsanlagen hinzu, davon 24 Kilometer Fahrradstreifen, sagte Verkehrs-Staatssekretär Christian Gaebler (SPD). 15 Kilometer Radwege wurden saniert, an Bahnhöfen entstanden Abstellanlagen für 1 500 Fahrräder, tausend Plätze kommen 2015 dazu. Gaebler: „Die Umsetzung der Radverkehrsstrategie verläuft durchaus erfolgreich, wenn auch nicht immer so schnell wie gewünscht.“