Die zwei Polizisten im Vorgarten des Bistros wirken als ob sie Mittagspause hätten. Aber sie sind alles andere als harmlos – zumindest für den jungen Mann auf dem Mountainbike, der in diesem Moment an ihnen vorbeiflitzt.

Einer der Beamten hält einen Camcorder in der Hand und dokumentiert, wie der flotte Mountainbiker auf die Kreuzung zurast. Die Ampel ist schon vor einer Sekunde auf Rot umgesprungen, als der Biker den Asphalt überquert. Ein Autofahrer der rechts abbiegen will, war umsichtig genug, schnell zu bremsen. Dieses kleine Stück Berliner Verkehrsalltag haben die Polizisten als Beweis auf Video festgehalten, während sie ihre Kollegen hundert Meter weiter per Funk informieren. Die warten auf der anderen Seite der Kreuzung und stoppen den Radler.

Viele Polizisten in gelben Westen haben sich am Montag an der Kreuzung aufgebaut, wo die Wisbyer in die Bornholmer Straße übergeht und die Schönhauser Allee zur Berliner Straße wird. Die Kreuzung ist ein Alptraum für Auto- und Radfahrer und laut Polizei Berlins Hauptunfallschwerpunkt: 107 Mal krachte es hier im vergangenen Jahr. An elf Unfällen waren Radfahrer beteiligt, zwei von ihnen wurden schwer und sieben leicht verletzt.

Überhaupt ist die Unfallquote mit Radfahrern in Berlin hoch. 1887 solcher Unfälle ereigneten sich im vergangenen Jahr. 1443 Verletzte wurden gezählt und drei Tote. Die Hälfte der Unfälle wurden von Radfahrern selbst verursacht, indem sie Fahrbahnen falsch benutzten, auf Gehwegen fuhren oder sich falsch in den fließenden Verkehr einfädelten, etwa wenn sie vom Bürgersteig auf die Fahrbahn geschossen kamen. Aber eben auch die Autofahrer waren zur Hälfte schuld, wenn sie mit Radlern kollidierten. Am häufigsten waren Unfälle beim Abbiegen, wenn Autofahrer nicht auf Radfahrer achteten und den „Schulterblick“ nicht für nötig hielten. Immer wieder passiert es auch, dass Lkw-Fahrer den nahenden Radler im toten Winkel ihres Außenspiegels nicht sehen.

Nicht auf seinem Recht beharren

Und weil dieser Winkel beträchtlich ist, haben die Polizisten an diesem Tag an der Kreuzung einen Lkw älteren Baujahrs abgestellt. Sie laden Radfahrer, darunter viele Kinder, ein, sich hinter den Lenker zu setzen. Die sollen in den rechten Außenspiegel schauen, um selbst zu sehen, wie schmal der Bereich ist, den der Fahrer einsehen kann. „Ich würde deshalb jedem Radfahrer raten, im Zweifel auf sein Vorfahrtsrecht zu verzichten“, sagt Polizeioberkommissar Jan Osenbrüg vom Stab des Polizeipräsidenten.

Derweil stoppen die Polizisten neben dem Lkw einen Mann, der keine Lampe am Rad hat. „Ich fahre nur tagsüber“, rechtfertigt er sich. Die Beamten schreiben einen Mängelbericht. Der Mann muss die Beleuchtungsanlage reparieren und auf seinem Polizeirevier vorzeigen.

Um die Ecke, wo die Wisbyer zur Bornholmer wird, hat Polizeimeister Felix Rübner eine schwangere Frau gestoppt, die ihm von den Polizisten im Bistro gemeldet wurde. Die Ampel für die Autofahrer sei doch noch grün gewesen, sagt die Frau, doch das hilft ihr nicht. Die Ampeln für Radfahrer schalten schneller auf Rot, damit Radfahrer die Kreuzung frei machen, denn sie sind langsamer als Autos. Die Polizisten schreiben sich die Personalien vom Ausweis der Frau ab. Sie wird Post von der Bußgeldstelle bekommen: 45 Euro sind zu zahlen.

Der 21-jährige Medizinstudent, der kurz darauf vom Polizisten Rübner angehalten wird, hat mehr Pech. Er fuhr, als die Ampel schon länger als eine Sekunde rot war – das macht 100 Euro. Er ist entsetzt, als er hört, dass die Bußgelder erst vor Kurzem erhöht wurden. „Hier sind überall Bauampeln, da sieht man überhaupt nicht durch“, sagt er.

Mehr Kontrollen geplant

Dass die Polizisten so auf das Einhalten der Ampelphasen achten, hat mit den vielen Regelverstößen zu tun. Knapp 30.000 Anzeigen schrieb die Polizei im vorigen Jahr gegen Radler. Davon waren allein 13.000 wegen Rotlichtverstößen.

Die Frau, die jetzt mit Felix Rübner Bekanntschaft macht, ist nervös. „Ich habe es heute sehr eilig. Ich muss bis nach Wilhelmsruh“, sagt sie. Auch bei ihr war die Ampel länger als eine Sekunde rot. Sie zeigt zur Personalienkontrolle ihren Pkw-Führerschein vor. Wenn man einen Kfz-Führerschein hat – was die Bußgeldstelle herausfindet und meldet – gibt es auch für Rotlichtverstöße mit dem Fahrrad einen Punkt im Verkehrszentralregister des Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg.

Nicht nur an dieser Kreuzung wird an diesem Tag kontrolliert, sondern auch an fünf weiteren Punkten in der Stadt. Insgesamt werden die Polizisten am Schluss 344 Radfahrer kontrolliert haben, 56 Ordnungswidrigkeiten und acht technische Mängel angezeigt haben. Solche stadtweiten Schwerpunkteinsätze gibt es ein paar Mal im Jahr, um Rad- und Autofahrer zu sensibilisieren. „Davon wollen wir in diesem Jahr aber weg“, sagt Oberkommissar Jan Osenbrüg. „Das ganze Jahr hinweg wollen wir mehr kontrollieren.“

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