Das kleinste Fahrrad misst drei Zentimeter. Es besteht aus Draht und dient als Lesezeichen. „Beim Umblättern zieht man die eingeklemmten Seiten aus dem Lesezeichen heraus, so dass das Fahrrad beim Lesen quasi mitfährt“, erklärt Lars-Helge Kriener, der Erfinder dieses Drahtesels.

Kriener ist einer von 250 Ausstellern auf der Fahrradmesse Velo. Rund 13.000 Besucher sind am Wochenende in die Messehallen unterm Funkturm gekommen, um sich über ein Fortbewegungsmittel zu informieren, auf das gerade in der Großstadt immer mehr Leute umsteigen. In Berlin gibt es bereits 1,5 Millionen Fahrräder. „Studien haben ergeben, dass bei Zwölf- bis 25-Jährigen der Stellenwert des Autos extrem abgenommen hat“, sagt Sebastian Backhaus, Sprecher der Firma Velokonzept, die für die Organisation der Messe zuständig ist.

Das zeigt sich auch am Publikum, das überwiegend jung und männlich ist. Auf einem Parcours drehen Besucher auf dem Liegerad ihre Ovale. In einer anderen Halle steht ein Mitarbeiter der Stadtentwicklungsverwaltung auf einer Bühne und spricht über neue Radwege in Berlin. Die Aussteller präsentieren Mountainbikes mit elektrisch gesteuerter Federung, Falträder, die früher Klappräder hießen, Bonanza-Räder aus den 70ern, Schweizer Armeeräder oder Transporträder, deren Anhänger und Gepäckträger so viel Stauraum wie der Kofferraum einer Limousine bieten.

Aber auch dem Zubehör kommt große Bedeutung zu. Wie das Fahrrad muss es nicht nur praktisch sein, sondern auch gut aussehen. Gezeigt werden Klingeln in bunten Farben, modische Radlerkleidung, Pedale aus Holz, Helme mit Wollüberzug im Mützen- oder Hutdesign. Sogar zum Thema dauerhafte Körperhaarentfernung gibt es einen Stand. „Das ist wichtig für Radfahrer“, erläutert ein Besucher. Haarlos sei man schneller.

Dann ist da noch der Stand von Lars-Helge Kriener. Außer Lesezeichen verkauft er für 100 bis 400 Euro Lampen, die er aus alten Fahrradteilen gebastelt hat. Er hat eine Kinder- und Jugendwerkstatt im Jugendzentrum Naunynritze in Kreuzberg. „Ich will den Kindern zeigen, was man aus Schrott alles machen kann“, sagt er. An Nachschub mangelt es Kriener nicht. Alte Räder kriegt er geschenkt. Er leitet auch Fahrrad-AGs an Schulen oder im Prinzessinnengarten und fährt natürlich auch selbst Rad: ein Rennbike und ein altes Postfahrrad. „Eigentlich komme ich aus dem Mountainbikebereich“, sagt er.

Ein Bikefreak ist auch der Ministerialbeamte aus Potsdam, der sich auf der Messe neue Faltradmodelle anschaut. Er nimmt sein Rad überallhin mit. Sogar auf Dienstreisen im ICE. „Das nimmt nicht viel Platz weg und wiegt nur elf Kilogramm“, berichtet er. Er wäre an diesem bitterkalten Tag auch aus Potsdam mit dem Rad gekommen, wäre da nicht seine Begleiterin. „Ich fahre nur im Sommer“, sagt sie.

Radreisen sind ein großes Thema auf der Messe. Das Land Brandenburg wirbt mit seinem 7 000 Kilometer umfassenden Radfernwegenetz. Angeboten werden aber auch Touren durch Afrika oder Indien.

Lars-Helge Kriener war ebenfalls mit seinem Fahrrad auf Reisen. Im Jahr 2009 fuhr er von Mexiko nach Bolivien. Auf der Tour fing er damit an, Schmuck herzustellen, zum Beispiel den kleinen Drahtesel. „Das war als Geschenk gedacht. Aber dann habe ich die Sachen auch verkauft und hatte das Geld, um länger zu bleiben.“ Erst nach über einem Jahr war er wieder zurück in Berlin.