Normalerweise sind die 22 Viertklässler, die am Freitagmorgen im Unterrichtsraum der Verkehrsschule Steglitz sitzen, recht lebhaft. Doch heute sitzen sie mucksmäuschenstill auf den Holzstühlen und blicken aufmerksam nach vorne. Vor der Tafel steht ein echter Polizeioberkommissar. Er heißt Christoph Holk und ist Verkehrssicherheitsberater in der Polizeidirektion 4. Herr Holk ist eigentlich ziemlich nett, aber er lässt nicht das kleinste Geraune durchgehen. Denn heute geht es für die Kinder um etwas. Sie legen ihre Radfahrprüfung ab. Und die ist, wie sich zeigen wird, ziemlich anspruchsvoll.

Bevor es nach draußen auf den Verkehrsparcours geht, erklärt Holk ganz genau, worauf es ankommt. Alle sollen erst mal eine Viertelstunde über das Gelände fahren und alle Verkehrsregeln beachten, die es dort gibt. Und das sind einige. Auf dem Gelände sind Kreuzungen mit Ampeln und Zebrastreifen aufgebaut. Es gibt Stoppschilder, einen Kreisverkehr und Kreuzungen, an denen die Rechts-vor-Links-Regel gilt. Sogar eine Baustelle, an der die Kinder besonders vorsichtig vorbeifahren müssen, ist aufgebaut. Die Verkehrsregeln sind für die meisten kein Problem. Schließlich haben sie schon eine theoretische Prüfung bestanden – wie beim Autoführerschein ist das die Bedingung, um zum Praxistest zugelassen zu werden. Zwei Dinge vergessen viele Kinder aber dennoch immer wieder, deshalb lässt Christoph Holk die Kinder im Chor rufen, was sie beim Abbiegen nicht vergessen dürfen: „Sicherheitsblick! Handzeichen!“ skandiert die Klasse.

Absolute Konzentration bei den Prüflingen

Nun bekommt jeder der kleinen Prüflinge ein neongelbes Leibchen mit einer Nummer überreicht. Und dann überprüft Holk den Sitz jedes einzelnen Radhelms. Und guckt auch noch mal nach, ob alle ihre Schnürsenkel zugebunden haben. Endlich dürfen alle zu den Fahrrädern. Dort steht schon Matthias Funk bereit. Der 25-Jährige ist Hartz IV-Empfänger und als sogenannte MAE-Kraft dieses Jahr in der Verkehrsschule beschäftigt. Er stellt jedem Kind den Fahrradsattel ein. Sie fahren nämlich auf Rädern, die die Verkehrsschule zur Verfügung stellt. Funk kann gut mit Kindern umgehen, man merkt, dass es ihm Spaß macht, den Kleinen Tipps zu geben.

Die nächste Viertelstunde muss auf Außenstehende ziemlich merkwürdig wirken. 22 Kinder fahren über den Verkehrsparcours – in völliger Stille. Kein Rufen, kein Lachen, schon gar kein Gerangel. Die Kinder fahren absolut konzentriert, so wie Christoph Holk ihnen das vorher eingeschärft hat. Keiner missachtet die Vorfahrtsregel. Alle steigen an der roten Ampel vom Fahrrad. Und an der Baustelle bedanken sie sich mit ernstem Kopfnicken beim Klassenkameraden, der ihnen die Vorfahrt lässt, ganz wie Erwachsene. Dann ist die Viertelstunde um und es gibt noch mal eine kurze Manöverkritik. „Lena, Du musst immer auf dem Radweg bleiben“, sagt Klassenlehrerin Britta Häfker und ermahnt noch ein paar andere, die den Sicherheitsblick vergessen haben. Dann geht es wieder aufs Rad und Britta Häfker nimmt ein Klemmbrett. Jetzt gilt’s.

150 Prozent Aufmerksamkeit erwünscht

Wieder fahren alle Kinder umher. Noch umsichtiger, noch konzentrierter. Jeder vergessene Sicherheitsblick, jedes vergessene Handzeichen gibt einen Fehlerpunkt auf der Liste der Lehrerin. Wer mehr als sieben Fehler hat, ist durchgefallen. Und 20 Minuten sind eine lange Zeit. Schließlich ruft Holk „Prüfung beendet!“ Die Kinder fahren zum Ausgangspunkt zurück. Auch jetzt zählen die Fehler noch. Erst als sie abgestiegen sind, reden alle aufgeregt durcheinander. Ein paar steigen noch mal aufs Fahrrad, um für den Fotografen ein paar Runden zu drehen. Und überfahren prompt ein Stoppschild.

Für Christoph Holk ist das die Bestätigung seiner Regel: „Ich wünsche mir hier 150 Prozent, damit die Kinder später im normalen Verkehr 100 Prozent aufmerksam sind“, sagt der 36-Jährige, „schließlich kann später jeder Fehler zu einem Unfall führen.“ Aber er sagt auch, dass die Kinder super gefahren sind. Die Klassenlehrerin hat inzwischen die Bögen ausgewertet. Zwei Jungen sind durchgefallen. Einer von ihnen weint bitterlich und wird von seinen Freunden getröstet. Am 6. Juni kommen die beiden noch mal zur Nachprüfung. Wieder unter den strengen Augen von Herrn Holk.