Kopenhagen - „Wir sind zu spät“, stellt Mikael Colville-Andersen fest. „Vor anderthalb Stunden hätte der Stau bis auf die andere Seite der Brücke gereicht.“ Es ist früher Vormittag, bleigraue Wolken hängen über der Kopenhagener Innenstadt, es regnet in Strömen. Eigentlich ist es ein Tag zum Drinnenbleiben, aber Colville-Andersen wollte unbedingt raus, er musste diese Kreuzung zeigen.

Der Stau auf der Dronning Louises Bro ist vielleicht der einzige in ganz Europa, auf den die Bewohner einer Stadt ein wenig stolz sind. Denn auf der Brücke über den Peblinge-See, die das Multikultiviertel Nørrebro mit dem Stadtzentrum verbindet, drängeln sich am Morgen nicht etwa die Autos – sondern die Fahrräder. „Drei Ampelphasen muss man morgens rechnen, ehe man rüber ist, mindestens“, sagt Colville-Andersen.

Kopenhagen gilt als Fahrradhauptstadt Europas, und das hat sehr viel mit dem Engagement der Stadtverwaltung zu tun und ein wenig auch mit Mikael Colville-Andersen. Die Stadtplaner erkannten um die Jahrtausendwende, dass die dänische Hauptstadt einzigartige Voraussetzungen bot. Fast ein Drittel aller Wege in der Stadt wurde schon damals mit dem Rad zurückgelegt – also mehr als doppelt so viel wie in Berlin.

Fast alle Hauptstraßen verfügten über Radwege. Aber Gutes, so befand der damalige Verkehrsstadtrat, kann noch besser werden. Er investierte massiv in den Ausbau der Infrastruktur. Und so gibt es in der dänischen Hauptstadt nicht nur die wohl breitesten und ebensten Radwege Europas, sondern auch grüne Wellen für Radfahrer, eigene Brücken, privilegierte Abbiegespuren. 20 Angestellte arbeiten im „Cykelsekretariat“ der Stadt Kopenhagen. Es gibt dort Menschen, die sich über nichts anderes Gedanken machen als darüber, wo man in Kopenhagen noch Fahrradparkplätze schaffen könnte. Berlin hat einen ehrenamtlichen Fahrradbeauftragten – und das nur auf dem Papier, das Amt ist seit einem halben Jahr nicht mehr besetzt.

„Das Fahrrad ist in Berlin nie aus dem Stadtbild verschwunden“

Mikael Colville-Andersen hat dafür gesorgt, dass Kopenhagen inzwischen in der ganzen Welt als Vorbild für gute Radverkehrsplanung bekannt ist. Er ist so etwas wie der inoffizielle Fahrradbotschafter. Mit seinem grau melierten, leicht zerzausten Haar und der schwarzen Kastenbrille würde er als Inhaber einer Werbeagentur durchgehen. Und das ist auch nicht ganz falsch. Eigentlich ist Colville-Andersen Filmemacher.

Vor sechs Jahren begann er, über das Radfahren zu bloggen. Seine Leserschaft wuchs beständig. Irgendwann kam die erste Einladung, einen Vortrag auf einem Kongress zu halten. 2009 schließlich stellte Colville-Andersen fest, dass er für seinen Job keine Zeit mehr hatte. Er machte sich selbstständig und berät heute Stadtverwaltungen in der ganzen Welt, selbst im Moloch São Paulo, er hilft ihnen, mehr Menschen aufs Fahrrad zu bringen. „Copenhagenize“ hat er seine Agentur genannt – „kopenhagenisieren“, der Name ist Programm.

Auch Berlin kennt Colville-Andersen bestens. „Die Stadt hat gute Voraussetzungen“, findet er. „Das Fahrrad ist in Berlin nie aus dem Stadtbild verschwunden, anders als etwa in Paris.“ Aber für Berlins Radwege hat er nur ein Grinsen übrig. „Das ist wie ein Museum für Verkehrsplanung, mal fährt man ein paar hundert Meter über den Bürgersteig, dann ist plötzlich ein Streifen auf der Straße markiert – und der hört dann irgendwo auf, und es geht nicht weiter.“

Das Kopenhagener Virus breitet sich aus

Wie es besser geht, macht Kopenhagen vor. Breit sind die Radwege, bis zu fünf Meter. Überholen ist überall problemlos möglich – auf vielen Strecken ist der Verkehr aber so dicht, dass zwei Kolonnen in gleichem Tempo nebeneinander her fahren. Rasen ist verpönt, und auf den Hauptstrecken bringt es auch nichts, weil die grüne Welle nur bei einem Tempo von 20 Stundenkilometern funktioniert. Wer schneller fährt, muss an der nächsten Ampel warten.

Fast unnötig zu erwähnen, dass sämtliche Radwege der Stadt in adäquatem Zustand sind, also eben. Rumpelstrecken voller Hubbel und Schlaglöcher, wie sie an Berliner Hauptstraßen üblicher Standard sind, findet der Radfahrer in Kopenhagen nicht. Auch dafür sorgt das „Cykelsekretariat“. Das technische Personal fährt jeden Radweg der Stadt mindestens jedes zweite Jahr mit dem sogenannten „Comfortometer“ ab, einem Gerät, das mit sensibler Lasertechnik die Ebenheit der Fahrbahnoberfläche analysiert.

Ob das nicht alles furchtbar teuer ist? „Natürlich kostet es Geld“, sagt Mikael Colville-Andersen. „Aber dafür ersparen Radfahrer der Gesellschaft ja auch immense Kosten, sie sind gesünder, sie schädigen die Umwelt nicht.“ 240 Millionen Euro tragen Kopenhagens Radler jedes Jahr zum dänischen Wohlstand bei, erklärt Colville-Andersen.

Gemeint sind eingesparte Arztkosten und verhinderte Umweltschäden. „Das ist gerade erst in einer Studie berechnet worden.“ Sagt’s und schwingt sich auf den Sattel. Er hat noch einen Termin, das finnische Fernsehen will ihn interviewen, auch Helsinki will eine bessere Fahrradstadt werden. Das Kopenhagener Virus breitet sich aus.