Ein kalter Wind weht durch Berlin. Doch die neue Fahrradstaffel der Polizei ist auch im Winter unterwegs, auch während der Weihnachtstage, auch Neujahr – täglich von 8 bis 16 Uhr. „Wir sind bei jedem Wetter im Einsatz“, sagt Polizeihauptkommissar Sascha Ziegler, der die Einheit leitet. Dass es keine Frostpause gibt, hat seinen Grund: „Auch in dieser Jahreszeit sind viele Radfahrer unterwegs.“ Und auch im Winter verstoßen Fahrrad- und Autofahrer gegen Verkehrsregeln. Die Staffel gibt es nun fast ein halbes Jahr. Ein Anlass, Bilanz zu ziehen.

Auf deren Negativseite steht: ein schwerer Unfall. Dass nicht alle 20 sondern derzeit nur 19 Beamte der Staffel einsatzfähig sind, liegt an einem Unglück, das sich am 19. Oktober in Mitte abgespielt hat. Ein Polizist aus der Fahrradstaffel fuhr einem Radler hinterher, der sich um ein rotes Ampellicht nicht geschert hatte. „Der Kollege geriet mit dem Rad in das neue Straßenbahngleis in der Invalidenstraße und stürzte. Ihm wurde ein Schlüsselbein abgerissen“, berichtet Ziegler. Der Oberkommissar musste operiert, der Knochen verschraubt werden. Bis März bleibt er krank geschrieben.

Auf der Negativseite steht auch: Unfälle miterlebt. „Einer meiner Kollegen war Zeuge, wie ein Kurierradfahrer einen Rechtsabbieger übersah – und in den Transporter einschlug“, sagt Sascha Ziegler. Der Fahrradfahrer wurde schwer verletzt. Doch er hatte Glück: Der Polizist ist ausgebildeter Ersthelfer.

In diesem Jahr verunglückten in Berlin bisher zehn Radler tödlich. Weil die Saison früh begann, ist auch die Zahl der Verletzten höher als 2013. „Vielen Radfahrern ist oft nicht bewusst, in welche Gefahr sie sich begeben“, sagt Ziegler. „Auch nicht, wie teuer etwa ein Rotlichtverstoß sein kann.“ Ein Punkt in Flensburg und mindestens 100 Euro werden fällig, wenn das Licht länger als eine Sekunde zu sehen war. Gefahren und Konsequenzen aufzuzeigen, sieht die Staffel als wichtigste Aufgabe – und sprechen, aufklären, beraten als Haupttätigkeit.

Keine Gnade für Fixiefahrer

Auch wenn Bürger hartes Durchgreifen fordern: „Auf mündlichem Wege kommen wir oft weiter“, sagt Andreas Tschisch aus dem Stab des Polizeipräsidenten. Ziegler hat den Eindruck, dass sich Verhalten zu ändern beginnt – ein Posten für die Positivseite der Bilanz. „Die Dauerfahrer kennen uns mittlerweile“, sagt er. Mit ihrer teils grellgrünen Kleidung sind die Polizisten weithin sichtbar. Manchmal müssen die Beamten aber auch Härte zeigen. Zum Beispiel, wenn sie jemanden auf einem Fixie antreffen – einem Fahrrad ohne Gangschaltung, Freilauf und fast immer auch ohne Bremsen, Beleuchtung und anderes Zubehör.

Wird ein Fixiefahrer zum ersten Mal erwischt, wird er dazu verpflichtet, sein Rad nachzurüsten und der Polizei vorzuführen. Lässt er dies bleiben und wird er erneut auf einem Rad ertappt, das nicht den Regeln entspricht, „ ist das Rad weg“, sagt Ziegler. „Dann stellen wir es sicher,“ und auf den Fixiefahrer kommen Bußgeld und andere Kosten in Höhe von einigen hundert Euro zu. „Einige Läden verleihen aufsteckbare Bremsen, für die Vorführung bei der Polizei. Nach unserer Auffassung reichen sie aber nicht aus.“ Dazu gibt es auch schon einen Rechtsstreit, der 2015 vor dem Verwaltungsgericht verhandelt wird.

Kürzlich stoppte eine Streife einen New Yorker, der mit seinem Fixie über die Friedrichstraße raste. In den USA habe ihn die Polizei nie angehalten, sagte er überrascht. Ohnehin wundern sich viele Touristen , dass in Deutschland auch der Fahrradverkehr geregelt sei, so Ziegler. „Niederländer biegen bei rot rechts ab. Das sei dort erlaubt, sagen sie.“ Überhaupt die Touristen: Die Fahrradstaffel achtet auch auf geführte Radtouren. Längst nicht immer passen bei diesen Rundfahrten zwei Führer auf, oft ist es nur einer – so lassen sich Personalkosten sparen. Und so kann es vorkommen, dass Touristen noch über die Kreuzung zuckeln, nachdem die Ampel schon wieder auf rot umgesprungen ist.

Wird das Einsatzgebiet größer?

„Warum geht Ihr nur gegen uns Radfahrer vor?“ Das bekommen die Beamten der Fahrradstaffel oft zu hören. Es ärgert sie, weil sie sich auch mit Autofahrern befassen, so Ziegler. „Zum Beispiel, wenn beim Rechtsabbiegen nicht auf Fahrräder geachtet wird. Das ist immer noch ein großes Problem.“ Doch es gibt auch Radfahrer, die sich eine größere Fahrradstaffel wünschen, die nicht nur im östlichen Zentrum unterwegs ist. Sie finden es gut, wenn ihnen die Polizei auf Augenhöhe begegnet, nicht aus einem Auto heraus. Wenn es darum geht, Risiken zu beseitigen, haben sie die Staffel auf ihrer Seite. „Gefahrenstellen melden wir den zuständigen Ämtern“, sagt Ziegler. Oft mit Erfolg, was sich ebenfalls in der Bilanz verbuchen lässt: Ein Busch, der in den Radweg an der Invalidenstraße ragte, wurde entfernt, eine versteckt montierte Ampel Unter den Linden versetzt, eine Verkehrsregelung, die Radler in eine Baustelle führte, geändert.

„Wir würden es begrüßen, wenn die Staffel ihr Einsatzgebiet ausweiten würde“, sagt Tilo Schütz, Radverkehrsexperte vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Es sei vereinbart, dass es beim jetzigen Konzept drei Jahre bleibt, bis Sommer 2017, sagt Tschisch. „Zuvor wird entschieden, wie es weitergeht.“