Fahrradstaffel: In Berlin fahren selbst Drogenkuriere mit dem Rad

Es geht wieder los. „Als ob ein Startschuss gefallen wäre“, sagt Polizeihauptkommissar Sascha Ziegel. Noch kann man das, was den Berliner Radfahrern kalt und nass entgegenweht, nicht Frühling nennen. Doch die Berliner Radwege beginnen sich zu füllen. Für Ziegler und sein Team von der Fahrradstaffel der Polizei bedeutet das: mehr Arbeit. Die Unfallstatistik macht ihnen in diesem Jahr Sorgen. „Seit Januar sind schon sechs Fahrradfahrer tödlich verunglückt“, so Ziegler. 2015 waren zehn Radler gestorben.

Dass diese Saison nicht gut begonnen hat, bekamen der Leiter der Fahrradstaffel und sein Team erst kürzlich wieder vor Augen geführt. Im Polizeigebäude Alt-Moabit 5a lehnte tagelang ein Unfallfahrzeug an der Wand. Ein verbeultes Fahrrad-Überbleibsel, mit zerknautschten Rädern und kaputten Speichen. Als ob ein schwerer Lkw darüber gefahren wäre. „So ist es“, sagt Ziegler.

Der Fahrer hatte die Radfahrerin beim Abbiegen übersehen. Während sie sich am Lastwagen festhalten konnte, kam ihr Rad unter die Räder. Dessen Zustand lässt ahnen, was der Frau passiert wäre, wenn sie losgelassen hätte. Sie überstand den Unfall mit dem Lkw schwer verletzt.

Und dann ist da noch der zerbrochene Fahrradhelm, der in einem Dienstzimmer liegt – als Erinnerung an einen anderen Abbiege-Unfall. Der Helm gehört einem Kollegen, erzählt der Polizeihauptkommissar. „Er war auf dem Weg zum Dienst, als ein Autofahrer plötzlich abbog und das Rad erwischte.“ Der Polizist stürzte, auch er wurde verletzt.

Täglich Schönfließ-Moabit

Kein Wunder, dass Abbiegesituationen ein wichtiges Thema für die Staffel sind. Wer als Autofahrer vor den Augen der Polizisten um die Ecke prescht, ohne zuvor über die Schulter nach hinten zu sehen, bekommt Ärger. Sie sind trainiert, einige fahren täglich von Umlandorten wie Schönfließ oder Brieselang mit dem Rad zur Arbeit. Sie sind schnell genug, um im dichten Verkehr ein Auto einzuholen.

„Wenn wir mit Autofahrern sprechen, geht es oft um das richtige Abbiegen, um den Schulterblick“, sagt Polizeioberkommissarin Andrea Barthels (39). Den Vorwurf, dass sie einseitig vor allem gegen Radfahrer vorgehen, können die Beamten nicht mehr hören. 2015 haben sie 13 951 Ordnungswidrigkeiten zur Anzeige gebracht, berichtet Ziegler. „6184 richteten sich gegen Kraftfahrer, 4650 gegen Radfahrer“, der Rest vor allem gegen Fußgänger.

Die Polizisten achten auch auf Liefer- und Taxifahrer. Sie wissen, wie sehr sie unter Druck stehen. „Doch wenn sie Radfahrer behindern oder gefährden, schreiten wir ein“, sagt Ziegler. Wie jüngst an der Kreuzung Chaussee-/Invalidenstraße: „Fünf Meter neben mir stand ein Lieferwagen auf dem Schutzstreifen für Radfahrer.“ Der Fahrer scherte sich nicht um den Polizisten, obwohl der unübersehbar war. Ziegler trägt Dienstkleidung in blau und grellgrün, sein Fahrrad ist weiß und hat die Aufschrift „Polizei“.

Erst als der Polizist den Lieferfahrer ansprach, fuhr der Mann grummelnd weiter. Erst auf den Gehweg, dann auf eine schraffierte Sperrfläche, die ebenfalls für ihn verboten war. „Jetzt haben wir dann doch ein Problem“, sagte Ziegler und zückte seinen Block für die Anzeige. Erbost warf der Fahrer das Paket, das er liefern sollte, vor ihm auf den Asphalt.

Dienstwaffe und Handschellen

Dass das Frühjahr begonnen hat, merken die Polizisten nicht nur daran, dass es auf den Radwegen voller geworden ist. „Es sind auch wieder mehr Familien auf Rädern unterwegs. Und mehr Senioren“, sagt Andrea Bartheld. Doch die Konzentration sei noch nicht gut – schlechte Erfahrungen sind offenbar vergessen. „Vor allem Senioren sind oft sorglos auf dem Rad und sich vieler Gefahren nicht bewusst“, erzählt die Polizistin. Immerhin: „Sie sind technisch gut ausgestattet. Und für unsere Hinweise empfänglich.“

Bei Jüngeren ist das oft anders. „Jede Streife führt 30 bis 40 Gespräche am Tag. Es kommt öfter vor, dass sich Radfahrer auf den Schlips getreten fühlen“, sagt Ziegler. Auch Akademiker würden laut: „So was kann auch im Regierungsviertel oder vor der Charité passieren.“ Die Ignoranz, mit der er und seine Leute konfrontiert werden, kann den 46-Jährigen immer noch erstaunen. Da sind die vielen gewöhnlichen Regelverstöße: „Zum Beispiel im Tiergarten, wo jeder um die Ecke fährt, wie er will“ – Beinaheunfälle sind häufig. Auch Touristengruppen aus dem Ausland sind ein Thema: „Handy am Ohr, auf dem Gehweg oder an der Kreuzung stehen bleiben, so dass andere behindert werden.“

Jeder Polizist hat Dienstwaffe, Pfefferspray, Funkgerät, Handschellen und Sonnenbrille dabei. Die Handschellen haben sie kürzlich wieder gebraucht, in zwei Fällen, erzählt Ziegler. Ein Radler war auf dem Gehweg, ein anderer bei rot gefahren, beide vor den Augen der Polizei. Die Beamten hielten sie an – und stellten fest, dass sie es mit Drogenkurieren zu tun hatten. In der Fahrradstadt Berlin sind nun auch Kriminelle auf zwei Rädern unterwegs.