Zählstation in Hannover. Auch in Berlin soll es solche Digitalanzeigen geben, kündigt Verkehrssenatorin Günther an. 
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BerlinLiegt es an Corona? Oder daran, dass immer mehr Menschen auf den Geschmack kommen? Aktuelle Ergebnisse der Zählstationen des Senats zeigen, dass der Radverkehr an mehreren Stellen in Berlin deutlich zugenommen hat. So wurden in der Frankfurter Allee in Friedrichshain seit Januar 21,4 Prozent mehr Radfahrer gezählt als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. In der Alberichstraße in Biesdorf schlugen die Sensoren sogar 24,8 Prozent häufiger an. Bislang zählen die Messstellen nur im Geheimen, ohne dass die Radfahrer etwas davon merken. Doch dabei soll es nicht bleiben, kündigte Verkehrssenatorin Regine Günther jetzt an. „Wir wollen das Netz der Messstellen durch Zählstationen ergänzen, die man gut sehen kann“, sagte die Grünen-Politikerin.

Herzstück sind Digitalanzeigen, die jedes Mal umspringen, wenn ein Radfahrer vorbeifährt. „So wird jeder Interessierte verfolgen können, in welchem Maße ein Straßenabschnitt von Radfahrern genutzt wird“, so die Senatorin. „Wir wollen an den Stationen auch die Möglichkeit einrichten, Reifen aufzupumpen. Solche Serviceeinrichtungen gibt es bereits in anderen Städten, zum Beispiel in Brüssel.“ In Deutschland findet man Zählstationen mit Digitalanzeige unter anderem in Hamburg, Hannover, Bremen und Münster. Anders als verborgene Radverkehrsmessstellen, wie sie in Berlin an 17 Orten installiert wurden, liefern sie nicht nur interessante Daten. Sie werben auch für diese Art der Fortbewegung – indem sie zeigen, dass mancherorts ziemlich viele Radfahrer unterwegs sind.

Messdaten der bestehenden Berliner Stationen bestätigen den Eindruck, dass der Radverkehr in diesem Jahr auch außerhalb der Innenstadt angestiegen ist. So wurden in der Berliner Straße in Pankow in diesem Jahr bis zum 3. Juli 12,2 Prozent mehr Radfahrer gezählt als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. In der Spandauer Klosterstraße schlugen die Sensoren um 15,7 Prozent häufiger an, am Breitenbachplatz in Dahlem betrug der Anstieg sogar 23,1 Prozent. Zählstationen, die zentraler liegen, meldeten geringere Zuwächse auf höherem Niveau. In der Monumentenstraße in Schöneberg waren es 8,3, am Maybachufer in Neukölln 3,1 Prozent. An der Jannowitzbrücke, die am stärksten frequentierten Radlerroute mit einer Zählstation, sank die Zahl der Radfahrer um rund 10.000 – auf allerdings immer noch respektable 1.406.000.

Warum der Radverkehr zunimmt, lässt sich noch nicht abschließend erklären. Viele Menschen meiden den Nahverkehr. Sicher ist auch, dass Radfahren im Trend liegt, und dass das Wetter bisher günstig ist. Aber welchen Anteil hat Corona? „Erzwungene Nahmobilität und schönes Wetter begünstigen das Zu-Fuß-Gehen und das Fahrradfahren“, heißt es im deutschlandweiten Mobilitätsreport, den das Meinungsforschungsinstitut Infas, Motiontag und das Wissenschaftszentrum Berlin Ende Mai vorgelegt haben.

Allerdings ist vor allem der Fußverkehr angestiegen. Beim Radverkehr kommen die Autoren zu unterschiedlichen Einschätzungen. Generell verharre der Anteil an den zurückgelegten Wegen bei etwas über zehn Prozent, heißt es. Zugleich zeigen die vorläufigen Zwischenergebnisse, dass nachmittags mehr Radfahrer unterwegs sind als früher, „und dies mit einer größeren Kilometer-Verkehrsleistung als in unserem Referenz-Durchschnitts-Mai“. Allerdings: „Der Autoverkehr wird sich vermutlich die Freiräume, die er vorübergehend dem Radverkehr überlassen hat, ganz überwiegend wieder zurückholen.“

Weitere geschützte Radfahrstreifen geplant

Friedrichshain-Kreuzberg und andere Bezirke haben während der Pandemie damit begonnen, Radfahrern mehr Platz zu schaffen – mit temporären Radfahrstreifen, die sich inzwischen über mehr als 26 Kilometer erstrecken. Der Senat hat bekräftigt, dass alle Pop-up-Bikelanes dauerhaft erhalten bleiben. Unweit der Zählstelle in der Frankfurter Allee wurde am 27. Mai stadteinwärts ein solcher Fahrstreifen abgetrennt. Seitdem haben mehr als eine Viertelmillion Radfahrer die Messstation passiert – 27 Prozent mehr als im selben Zeitraum 2019. Zu dem Anstieg könnte beigetragen haben, dass Radfahren in der Frankfurter Allee sicherer geworden ist.

Etwas mehr als drei Jahre nach ihrem Amtsantritt Ende 2016 hat Senatorin Günther Bilanz gezogen. Dazu gehört, dass an acht Stellen insgesamt fünf Kilometer geschützte Radfahrstreifen entstanden sind. Baken und andere Absperrungen sorgen dafür, dass dort keine Autos fahren oder halten können. In diesem Jahr werden an 15 Stellen weitere dauerhafte Protected Bikelanes geplant,  hieß es. Dazu zählen die Märkische Allee in Marzahn-Hellersdorf, die Danziger Straße in Prenzlauer Berg, Alt-Friedrichsfelde in Lichtenberg und die Stromstraße in Moabit. Für das kommende Jahr stehen neun Projekte auf der Liste, unter anderem in der Hansastraße in Weißensee, der Müller- und Pankstraße in Wedding sowie der Siegfriedstraße in Lichtenberg.

Als die rot-rot-grüne Koalition Ende 2016 antrat, habe es für den Radverkehr gerade mal 3,5 Vollzeitstellen in der Verwaltung gegeben, so die Senatsverwaltung. Diese Zahl sei auf rund 70 gewachsen. In dieser Wahlperiode, die 2021 endet, sollen 200 Millionen Euro in die Radverkehrsinfrastruktur investiert werden. 2022 könnte der Bau der ersten Radschnellverbindungen beginnen. Am Ostkreuz ist ein Fahrradparkhaus geplant, weitere mögliche Standorte sind die S-Bahnhöfe Mahlsdorf und Lichterfelde Süd sowie der U-Bahnhof Haselhorst.

Changing Cities fordert mehr Tempo. Ragnhild Sørensen, Sprecherin des Verbands: „Rot-Rot-Grün hat sich die Verkehrswende auf die Fahnen geschrieben. Wenn sich die Koalition nicht total blamieren will, ist jetzt ihre letzte Chance, die Winkefähnchen gegen Arbeitshandschuhe zu tauschen.“