Kurz nach 9 Uhr am Donnerstag: „Das ist eine gefährliche Kreuzung“, sagt Claudia Jäger. „Viel Verkehr, sechs Straßen münden hier ein und Radfahrer ohne Ende.“ Sie muss laut sprechen, damit man sie im Lärm versteht. Die Polizeioberkommissarin hat sich mit zwei Kollegen an der Kreuzung am U-Bahnhof Eberwalder Straße in Prenzlauer Berg postiert, vor der Sparkasse, wo die Kastanien- von der Schönhauser Allee abzweigt. Es ist einer von elf Einsatzorten bei der Verkehrsüberwachungsaktion, an der sich in Berlin rund 250 Polizisten beteiligen. Jäger ahnt: Nun kommt eine Menge Arbeit auf das Trio zu. Sie wird recht behalten.

9.12 Uhr: Eine der ersten Frauen, die ihr Kollege Uwe Karck zur Seite winkt, fährt ein Auto. Sie ist mit ihrem Skoda zu forsch in die Kastanienallee eingebogen. „Ich habe doch Grün gehabt“, sagt die junge Frau. Mag ja sein, entgegnet der Polizeihauptkommissar. „Aber Sie haben nicht aufgepasst.“ Er vermisst den Schulterblick vorm Abbiegen, den Blick nach hinten, ob da nicht vielleicht ein paar Radler geradeaus fahren wollen. „Er ist wie eine Lebensversicherung.“ Für die anderen, die im toten Winkel.

9.15 Uhr: „Fahr’n Sie bitte rechts ran“, ruft Uwe Karck. „Sie wissen, dass es problematisch sein kann, Kopfhörer zu tragen?“ Äh, ja, sagt die Radfahrerin, aber Musik habe sie nicht gehört. Das Kabel führt zu ihrem Telefon. „Ich muss immer telefonisch erreichbar sein.“ Folgsam zieht sie sich die Kopfhörer aus den Ohren. Es ist nicht verboten, Hörer zu tragen, sagt Karck, es kommt auf die Lautstärke an. „Wenn mich ein Radfahrer nicht hört, weiß ich, dass es zu laut ist.“

9.20 Uhr: Den Polizisten ist nicht entgangen, dass der Mann bei Rot gefahren ist – und dann noch an einer Fußgängerampel. Aber auch der 39-Jährige wird nicht pampig. Wie findet er es, dass die Polizei ihn gestoppt hat? „In Ordnung.“ Vielleicht ist er auch deshalb so zahm, weil er jüngst vom Unfalltod eines Radfahrers erfahren hat. „In dem Café am Helmholtzplatz, wo ich öfter bin, wurde plötzlich eine neue Bedienung gesucht. Ich fragte, wo denn die bisherige sei? Da erfuhr ich, dass der Mann tot ist. Am 2. Juni überfahren von einem Lastwagen auf der Prenzlauer Allee.“

9.35 Uhr: Schon wieder ein Rotfahrer auf zwei Rädern, diesmal ist es ein Vater mit einem Kind im Kindersitz. „Wir sind spät dran“, erklärt der Mann. „Und ich war abgelenkt.“ Es wäre nun das zweite Mal, dass er von der Polizei angehalten worden ist. „Das ist okay“, gesteht er ein. Und darf ebenfalls ohne Verwarnung weiterfahren.

9.40 Uhr: Na also, es gibt sie doch noch, aggressive Berliner Radfahrer! Eine junge Frau in Schwarz stellt sich dazu, als Karcks Kollege Steven Schulz auf dem Einbahn-Abschnitt an der Kastanienallee einen Radler stoppt. „Kümmern Sie sich lieber mal um die zugeparkten Radwege da hinten“, schimpft sie. Der Polizeihauptkommissar vom Abschnitt 15 lässt sich nicht beirren. Nachdem Schulz mit dem Radfahrer gesprochen hat, lässt er ihn weiterfahren. Wäre der Mann ebenfalls laut geworden, hätte ihn die Einbahnstraßenfahrt 25 Euro gekostet. „Wir können auch anders. Er war aber einsichtig.“

9.48 Uhr: Plötzlich wird die Lage ernst, sehr ernst sogar. Eine Straßenbahn rollt in die Kastanienallee, doch längst nicht alle Radfahrer nehmen von ihr Notiz. „Passen Sie auf!“ ruft Karck einer Frau zu, aber die reagiert auch nicht, als die Bahn durchdringend klingelt. „Mein Herz!“ ruft Claudia Jäger, kurz bevor die 23-Jährige endlich anhält, eine Haaresbreite von der 31 Tonnen schweren Bahn entfernt. Ein Beinahe-Unfall! „Das hätten Sie nicht überlebt“, sagt die Polizistin. Die Radfahrerin bekommt Infoblätter zur Verkehrssicherheit. Sie wirkt nicht so, als ob sie begriffen hätte, dass sie gerade dem Tod von der Schippe gesprungen ist. „Ich werde den Flyer sicher durchblättern“, sagt sie gleichmütig. Und tritt wieder in die Pedale.

9.58 Uhr: „Hallo, Sie da, würden Sie bitte absteigen!“ Diesmal ist es Claudia Jäger, die einen Radfahrer auf dem Gehweg zur Ordnung ruft. Er trägt ein Unterhemd und eine Sonnenbrille, sein Fahrrad ist gestylt bis ins Letzte Detail: helle Reifen und hochgezogener Lenker, wie bei einem Harley-Davidson-Motorrad. Wortlos steigt der Mann ab und schiebt. Auch er muss nichts bezahlen. Aber längst nicht jeder Gehweg-Radler wird zur Räson gerufen. Es sind zu viele.

10.05 Uhr: Claudia Jäger ist seit 18 Jahren bei der Polizei, doch das Wundern hat sie nicht verlernt. „Erstaunlich, wie viele Radfahrer neuerdings Handzeichen geben, bevor sie abbiegen. Da, schon wieder“, sagt sie. „Vielleicht sind es Stammfahrer, die wissen, was hier los ist.“ Und dass gute Verständigung auf vollen Straßen Schlimmes erspart. „Für die vielen Radfahrer ist der Radweg entlang der Schönhauser Allee einfach zu schmal“, ergänzt Schulz.

10.10 Uhr: Uwe Karck zieht eine erste Bilanz: Viele Radler belehrt, Auto- und Lkw-Fahrer über den toten Winkel informiert, keine gebührenpflichtige Verwarnung erteilt, fast keine Pöbeleien erlebt − und ein Unfall wurde verhindert. Die meisten Fahrer seien einsichtig, wenn man ruhig mit ihnen spricht, so lasse sich am meisten erreichen. „Doch wenn eine bestimmte Schwelle überschritten wird, muss es eine Verwarnung geben.“ Eines sei immer klar, sagt Karck: Jede Kontrolle ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.