Berlin - Seit dem 25. September 2006 ist Georgine Krüger verschwunden. Die Polizei suchte monatelang europaweit nach der damals 14 Jahre alten Schülerin aus Moabit. Vergeblich.

Es war die größte und aufwendigste Suche nach einem vermissten Menschen aus Berlin in den vergangenen 30 Jahren. Die Hoffnung, dass Georgine noch lebt, schwand immer mehr. Inzwischen geht die Polizei von einem Verbrechen aus, weil sich das Mädchen nie bei Bekannten oder Verwandten gemeldet hat.

Neue Spur dank Hinweis 225

Nun – nach genau 4316 Tagen – ging die Polizei am Donnerstag einen Hinweis nach, der vielleicht Klarheit über das Schicksal des Mädchens bringen könnte. Es war Hinweis 225, der in der Notrufzentrale der Polizei am Platz der Luftbrücke einging. Ein Mann meldete sich anonym und sagte, dass er einen Ort kenne, an dem sich Spuren der Schülerin befinden. Ganz konkret nannte er ein Waldstück bei Brieselang, westlich von Berlin im Kreis Havelland gelegen. „Der anonyme Anrufer machte so konkrete Angaben für dieses Waldgebiet, dass wir dem jetzt nachgehen“, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf.

Am Donnerstagvormittag sperrten Polizisten ein 5000 Quadratmeter-Areal mit rot-weißen Flatterband ab. Anschließend lockerten sie den Waldboden auf, damit möglicher Leichengeruch aufsteigen kann und die Spürhunde besser anschlagen können. Dann begann die Suche.

Mit Hund und Drohne

Zusammen mit dem Leichensuchhund Django – einem drei Jahre alten belgischen Schäferhund – durchkämmten mehr als 50 Polizisten den Wald. Aus der Luft suchten Spezialisten mit einer Drohne das gesperrte Areal akribisch ab. „Der Hinweis war für uns sehr bedeutsam“, sagte Thomas Neuendorf. „Wir hatten nicht den Eindruck, dass sich jemand am Telefon wichtig machen wollte.“

Neuendorf sagte auch, dass die Entscheidung, den Wald abzusuchen erst fiel, nachdem die Ermittler der zuständigen Mordkommission die Glaubwürdigkeit geprüft hatten.

Details zum Anruf nannte der Polizeisprecher nicht. Aus ermittlungstaktischen Gründen, wie es hieß.

2006 verschwand Georgine

Der Fall Georgine Krüger begann am 25. September 2006. An jenem Morgen wurde sie zum letzten Mal von Familienangehörigen gesehen. Um 14 Uhr stieg sie aus einem Bus der Linie M27 an der Haltestelle Perleberger/Ecke Rathenower Straße. Sie war auf dem Weg von der Schule in die elterliche Wohnung in der Stendaler Straße. Die Wohnung ist 200 Meter von der Bushaltestelle entfernt. Dort kam sie nicht an.

Fahnder sagen, dass Kinder nicht ohne Grund weg bleiben. Meist laufen sie wegen eines Problems davon, sind aber noch am selben Tag wieder zurück. Wenn es etwas länger dauern sollte, gibt es dafür vorher meist Anzeichen. Bei Georgine war das nicht der Fall. Es gab keinen Streit in der Familie. Sie lebte in geordneten Verhältnissen.

Ein Kind zu verlieren, ist schlimm, sagen Fahnder. Aber nicht zu wissen, ob es noch lebt, ist viel schlimmer. Auch deshalb entschlossen sich die Ermittler, dem anonymen Hinweis nachzugehen.

Handy ausgeschaltet

Bis heute ist unklar, warum das Handy der Schülerin nach dem Aussteigen aus dem Bus ausgeschaltet wurde. Das Gerät war seither nie wieder am Netz.

Aus Sorge um ihre Tochter erstattete die Mutter am Abend des 25. September eine Vermisstenanzeige. Von da an waren ständig 60 Polizisten im Kiez unterwegs. Die Suche nach dem Kind dauerte mehr als zwei Wochen. Im Umkreis von einem Kilometer suchte die Polizei mit Hunden in 270 Gebäuden nach der Schülerin. Auch Wärmebildkameras halfen der Polizei nicht weiter. Insgesamt wurden in Moabit mehr als 1000 Fahndungsplakate aufgehängt.

Spekulationen, dass Georgine von einem älteren Mann abgeholt und in dessen Sportwagen gestiegen sei, konnten nicht bewiesen werden. Überprüft wurde auch ein Mitschüler, mit dem das Mädchen vor ihrem Verschwinden Schluss gemacht haben soll. Auch wurden alle bekannten Straftäter aus der Umgebung kontrolliert und ihr Alibi überprüft.

Alle Clubs in und um Berlin geprüft

Weil Georgine Mutter und die Oma der Polizei unabhängig voneinander erzählt hatten, dass sie gern tanzt, wurden alle Clubs in und um Berlin kontrolliert.

Vor neun Jahren ging schon einmal ein Hinweis ein, bei dem der Anrufer von einem Wald bei Mühlenbeck sprach und auch den Ort Dammsmühle nannte, wo Discos stattfanden. Doch dort war das Mädchen nicht bekannt. Zwar führte ein Spürhund die Polizisten damals zu dem Gebäudekomplex mit der Disco. Doch die Spur verlor sich an einem Tümpel im Wald.

Auch am Donnerstagnachmittag musste die Polizisten die Suche abbrechen, weil keine neue Spur von Georgine Krüger gefunden wurde.

Polizei bittet um Mithilfe

Trotzdem bittet die 6. Mordkommission um Mithilfe. Zeugen, die das Mädchen gesehen oder von ihr gehört haben, sollen sich melden. Hoffnung setzen die Ermittler auch darauf, dass sich der anonyme Anrufer noch einmal meldet. Hinweise nimmt jede Polizeiwache entgegen.

Im vergangenen Jahr wurden in der Hauptstadt 1442 Kinder vermisst gemeldet. Meist waren die Fälle innerhalb von zehn Tagen geklärt und die Kinder wieder zurück bei Verwandten.