Die Tür war zu. Von innen abgeschlossen. Der gerade Zweijährige rüttelt drinnen an der Badtür. Vier Stimmen reden auf ihn ein. „Du musst den Schlüssel umdrehen“. „Nein, nicht den oberen Schlüssel, den unteren!“ Der große Bruder, sechs Jahre alt, schätzt die Lage ziemlich schnell vernünftig ein: „Der versteht das nicht.“ Die Großmutter ruft die Feuerwehr. Es ist Sonntag, wir sind bei den Eltern zu Besuch. Eigentlich wollten wir gerade Mittag machen. Normalerweise nimmt der Zweijährige nur den Staubsauger auseinander oder sortiert die Pantoffeln. Diesmal also das Problem Badezimmer.

Zur Freude des großen Bruders steht kurz darauf ein Feuerwehrmann in Uniform im Flur der Altbauwohnung. Das Haus ist von 1880. Meine Mutter hat immer darauf geachtet, die originalen Schlösser zu erhalten. Sie ist besorgt. Der Feuerwehrmann schaut sich das Schloss an und biegt den Beschlag hoch. „Nicht hochbiegen!“, schreit meine Mutter und lässt von nun an den Feuerwehrmann nicht mehr aus den Augen. Als dieser andeutet, dass man vielleicht eine Kassette aus der alten Tür nehmen muss, um von innen an das Schloss zu kommen, wird meine Mutter blass.

Wie eine Operation am Herzen

In das Funksprechgerät ruft er: „Den blauen Kasten. Bringt den blauen Kasten mit“. Kurz darauf kommen zwei weitere Feuerwehrmänner in die Wohnung. Der Zweijährige im Bad ruft zunehmend verzweifelt „Mama“. Viel mehr kann er noch nicht sagen. Wir beruhigen ihn durch die Lüftungsschlitze, die gegen den Widerstand meiner Mutter vor Jahren in die Badtür gebohrt wurden. Drei Löcher. Man kann sogar hindurchschauen und die kurzen Strumpfhosenbeine sehen. Der große Bruder lenkt den Steppke ab: „Spiel ruhig an der Waschmaschine!“ Darf er sonst nicht. Es klappt, er spielt mit der Klappe.

Derweil schrauben die Feuerwehrmänner den Beschlag ab und inspizieren das Schloss. Zur großen Erleichterung meiner Mutter entpuppt sich einer der Feuerwehrmänner als Tischler. Gemeinsam suchen sie einen Splinttreiber, um die Türklinke zu lösen. Der konische Splint hält die aufgesteckte reich verzierte Türklinke aus Horn, Perlmutt oder Elfenbein von 1880 fest. Schritt für Schritt nehmen sie vorsichtig das Schloss auseinander. Wie eine Operation am Herzen. Leider hat der Junge nicht nur an der unteren Badverriegelung gedreht, sondern auch an dem alten Buntbartschlüssel, der im eigentlichen Schlüsselloch steckt.

Im blauen Koffer findet sich kein Dietrich. Meine Mutter zieht prompt einen Vorkriegs-Dietrich aus der Werkzeugschublade. Schwuppdiwupp ist die Badezimmertür offen. Das befreite Kleinkind schaut erstaunt auf den Auflauf vor der Badezimmertür. Beim Anblick der drei Feuerwehrmänner ruft er „Da. Da. Feuer!“. Ein neues Wort. Nach dem Einsatz lassen wir uns erschöpft am Küchentisch nieder. Die Tür ist heil, das Kind auch. Wir danken den Feuerwehrmännern von der Wache in der Oderberger Straße.