Knapp ein halbes Jahr nach dem gewaltsamen Tod des 20-jährigen Jonny K. am Berliner Alexanderplatz ist auch der letzte Tatverdächtige in Haft. Der 19-jährige Onur U. kehrte am Montagnachmittag aus der Türkei zurück und wurde nach seiner Ankunft auf dem Flughafen Tegel verhaftet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Körperverletzung mit Todesfolge vor. Noch in der Nacht wurde über Onur U. dann die Untersuchungshaft verhängt. Dies sagte ein Polizeisprecher am frühen Dienstagmorgen.

Damit befinden sich alle sechs jungen Männer in Haft, die verdächtigt werden, Jonny K. und seine Begleiter am 14. Oktober vorigen Jahres angegriffen, geprügelt und getreten zu haben. Jonny K. war in der Folge gestürzt und hatte Hirnblutungen erlitten, an denen er starb.

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Onur U.s Landung in Tegel und seine sofortige Verhaftung nach zuvor halbjähriger Fahndung waren mit der Staatsanwaltschaft abgesprochen. Das meldete die Senatsjustizverwaltung am Montag. Bereits einige Tage zuvor hatte es Anzeichen dafür gegeben, dass er nach Berlin zurückkehrt. Onur U.s Verteidiger bestätigte die Absprache, bekräftigte aber auch, dass es sich um eine freiwillige Rückkehr handele.

Auch mit dem Landeskriminalamt habe es eine Abstimmung gegeben. „Der Reisetermin stand fest und die Strafverfolgungsbehörden waren hierüber auch informiert“, sagte der Anwalt Axel Weimann, der Onur U. vertritt. Er selbst sei am Sonntag ins türkische Izmir geflogen. Am Montag kehrte er mit Onur U. nach Berlin zurück.

Senatsvertreter reagierten zufrieden auf die Verhaftung. Innensenator Frank Henkel (CDU) sprach von einem „großen Erfolg für Polizei und Justiz, die sich unermüdlich in diesen Fall hineingekniet haben“. Der hohe Druck auf die Verdächtigen habe sich ausgezahlt. Henkels Justiz-Kollege Thomas Heilmann (CDU) sprach von einem wichtigen Signal an die Opfer von Straftaten: „Wir lassen nicht locker, bis wir die Verantwortlichen gefunden haben.“

Die Fahndung nach Onur U. war schwierig gewesen, weil der 19-Jährige die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeit besitzt. Kurz nach der Tat hatte er sich in die Türkei abgesetzt und dort Interviews gegeben, in denen er sich für unschuldig erklärte. Weil die Türkei keine Landsleute ausliefert, waren deutschen Ermittlern die Hände gebunden. Zuletzt hatte sich auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) während einer Reise nach Ankara persönlich für die Strafverfolgung des Geflüchteten eingesetzt.

Furcht vor voreingenommen Richtern

Vorigen Donnerstag hieß es, dass in der Türkei gegen Onur U. ermittelt werde, angeblich wegen Mordes. Rechtsanwalt Weimann sagte, Onur U. wolle im nun anstehenden Prozess „Verantwortung für das übernehmen, was er getan hat, mit der Hoffnung, nicht für etwas zur Verantwortung gezogen zu werden, das er nicht getan hat“.

Onur U. habe mit seiner Rückkehr so lange gezögert, weil er fürchtete, „er könne als der in den Medien zum Mörder abgestempelte angebliche Haupttäter keinen fairen Prozess und keine unvoreingenommenen Richter erwarten“. Letztlich habe er diese Furcht überwunden, um an der Wahrheitsfindung mitzuwirken. Weimann kündigte an, sein Mandant wolle sich zur Anklage äußern.

Der Prozessbeginn war zuletzt für Mitte Mai avisiert. Ob es dabei bleibt oder ob eine mögliche Aussage Onur U.s eine neue Anklageschrift erfordert, steht noch nicht fest. Das könnte bedeuten, dass sich der Prozesstermin verschiebt. Im Prozess muss die Staatsanwaltschaft jedem Angeklagten seinen Tatbeitrag nachweisen. Der Anwalt von Jonny K.s Schwester Tina, die als Nebenklägerin auftreten will, sagte, er hoffe auf einen einzigen Prozess, damit die Belastungen der Angehörigen geringer seien. (mit dpa)