Telefonieren wie die Großeltern: Ein altes DDR-Bakelit-Wählscheiben-Telefon. 
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BerlinDamit das Kind weiß, wie es früher war, habe ich übers Internet ein altes schwarzes DDR-Bakelit-Wählscheiben-Telefon ersteigert. Abzuholen in einem Vorort im Nordosten der Stadt, in einer Einfamilienhaus-Siedlung. Ich parke unter der schönen, großen, alten Kastanie vor dem Haus. Um deren gewaltige Äste sind schwarze Gummibänder geschlungen.

Ich klingle. Ans Gartentor sind untereinander gleich mehrere Schilder geschraubt: Erstens: „Achtung, Fremder: Bissiger Hund!“ Zweitens: Eine schwarze Hundesilhouette, darunter: „Hier wache ich!“ Und drittens: „Betreten verboten. Bissige Hunde!“ Zu meiner Erleichterung kommt nun kein aufgeregter Hund angesprungen. Stattdessen passiert gar nichts.

Tättowierter Verkäufer mit „East-Berlin“-T-Shirt

Ich klingle noch mal. Da öffnet ein Mann die Haustür. „Sie sind wegen dem Telefon da? Warten Se, ick hols gleich.“ Er verschwindet, kommt nach Ewigkeiten wieder und bringt mir das Telefon ans Gartentor.

Er trägt ein schwarzes Kapuzenshirt mit „East-Berlin“-Aufdruck in Frakturschrift und eine halblange Sporthose. Seine Waden sind tätowiert. Und muskulös.

Ich bezahle, und er überreicht mir den verstaubten Apparat. Dann betrachtet er mein Auto. „Janz schön zerbeult“, sagt er. „Wo ist denn der bissige Hund?“, frage ich. „Sind nur zwee kleene. Sind hinten im Garten. Deswegen können Se da nich hin. Springen allet an, die Hunde. Früher hatten wir ja ’ne Dobermannfrau. Die hat viel jebellt, und die alten Nachbarn haben jemeckert.“

Nun haben sie neue Nachbarn. Junge Familien, mit Kindern. Und nun seien deren Kinder immer so laut. Und die alten Leute sterben alle weg. Neulich wurde hier ein Haus für zwei Millionen verkauft. Er zeigt auf das Haus gegenüber, das sei für 180.000 Euro zu haben. Müsse man aber viel dran machen.

Schade, dass uns nicht mehr verbindet als das Telefon

Ich kann die Gelegenheit leider nicht ergreifen. Ich habe für mein letztes Geld das Telefon erworben. Ich betrachte das zerschlissene Telefonkabel. Das hat vermutlich die Dobermannfrau in den Zähnen gehabt. „Das jeht noch“, sagt der Verkäufer. „Müssen se nur die Stecker ranbasteln.“   Mal sehen, sage ich. „Ist eigentlich für meine Tochter zum Spielen.“ Worauf er sagt: „Na, dit jeht ooch.“

Ich zeige hinauf zu den schwarzen Gummibändern in der Kastanienkrone. „Und wofür sind die?“ Der Mann ist um eine Antwort nicht verlegen: „Die halten die Äste zusammen, damit es im Wind nicht so rauscht und bei Sturm kein Ast runterfällt und die jeparkten Autos beschädigt. Am besten wär’s sowieso, man würde den Baum abhacken.“ Ich bin geschockt. „Wieso?“, frage ich. „Weil im Herbst überall die Blätter rumfliejen.“

Wir wünschen uns gegenseitig noch einen schönen Sonntag. Schöne Augen hat er. Gut sieht er aus. Sein Händedruck ist warm und fest. Schade, denke ich noch. Dass uns nichts weiter verbindet als das Telefon. Dann steige ich in das verbeulte Auto und fahre zurück in die Innenstadt.