Ragow - Der Häcksler arbeitet sich gnadenlos vorwärts. Ein Bäumchen nach dem anderen verschwindet in seinem Rachen, ausgespuckt werden am Ende nur noch Späne. Weit und breit ist niemand, der sich über den Lärm am Mittag aufregen könnte. Die Bäume, die der Häcksler auf diesem windigen Stückchen der einstigen Rieselfelder in der Nähe von Ragow (Dahme-Spreewald) zerstückelt, sind Winterlinden. „Tilia cordata greenspire“, erläutert Christian Siegel. Veredelte Winterlinden.

Siegel ist Landschaftsgärtner, er leitet die Häcksel-Aktion, die ihm in der Seele wehtut, wie er sagt. „Diese Linden waren gerade angewachsen, sie machten sich sehr gut“, erzählt der 37-Jährige. Doch dann mussten er und seine Kollegen der Landschaftsbaufirma Schrader die Säge ansetzen und die vor knapp drei Jahren gepflanzten Bäume kappen. Sie müssen ersetzt werden – durch Winterlinden. Unveredelte Bäume. Weil es so im Vertrag mit der Flughafengesellschaft steht.

Die Firma Schrader hatte im Frühjahr 2010 den Auftrag erhalten, als Ausgleich für die Versiegelung der Flächen am nahe gelegenen neuen Großflughafen in Schönefeld 2000 Bäume zu pflanzen. Auf den Rieselfeldern bei Ragow wurden Weißdorn, Eichen und mehr als 1000 Winterlinden in die Erde gebracht. Unveredelte, so stand es im Vertrag. Im Gegensatz zu den veredelten, schmalwachsenden Bäumen, die erst in großer Höhe ihre Krone entfalten und dadurch besonders als Allee- oder Stadtbäume geeignet sind, zeichnet sich die „Tilia cordata“, die unveredelte Winterlinde, durch ihren natürlichen Wildwuchs aus.

Offener Brief an Platzeck

„Wir haben nicht mit Absicht veredelte Winterlinden genommen,“ sagt Thomas Wildenhein. Die Baumschule habe damals die falschen Linden geliefert. Gemerkt habe den Fehler zunächst niemand – auch nicht bei der Abnahme der Bäume. Wildenhein ist Diplomforstwirt und Leiter des Schrader-Betriebsteils, der für die Ausgleichspflanzung zuständig ist. „Rein theoretisch hätten wir alle 1000 Winterlinden wieder absägen müssen. Aber bei einigen davon war es dann fachlich begründet, doch die falschen, die veredelten Bäume stehen zu lassen“, so Wildenhein. Die Bäume wurden an Wegen gepflanzt und brauchen nicht so oft beschnitten werden.

Trotzdem müssen die Landschaftsgärtner aber 460 Mal die Säge ansetzen, 460 Mal neue Bäume pflanzen. Nach Ragow folgen Bäume, die seit 2010 am Flutgraben bei Schulzendorf wachsen. „Das ist schon ein bisschen wie ein Schildbürgerstreich“, sagt Wildenhein. „Die Bäume hätten stehen bleiben können, sie wären prächtig gediehen. Sie wieder herauszureißen, war absolut nicht notwendig.“ Die Firma habe sogar angeboten, für den Fehler noch 200 Obstbäume – alte Sorten – zusätzlich zu pflanzen. Doch die Flughafengesellschaft blieb hart: Vertrag ist Vertrag. Das kommt die Landschaftsbaufirma teuer zu stehen – eine viertel Million Euro muss sie für die Rochade bezahlen.

Auch Lutz Krause, Kreistagsabgeordneter der Fraktion der Unabhängigen Bürgerliste/Grünen im Landkreis Dahme-Spreewald hält den Austausch der Bäume für absolut nicht nachvollziehbar, „die falschen Winterlinden“ erfüllten ihren ökologischen Wert genauso. „Selbst die Untere Naturschutzbehörde hatte mit den Bäumen kein Problem“, stellt er fest. Klar habe die Firma einen Fehler gemacht. „Aber warum muss ich dann gleich zur Kettensäge greifen und pflanze die richtigen Bäume nicht auch noch – an anderer Stelle?“, fragt der 52-Jährige. Auf den Rieselfeldern bei Ragow und den umliegenden Gemeinden sei schließlich noch genug Platz.

Lutz Krause hat nun einen offenen Brief an den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft und Ministerpräsidenten von Brandenburg, Matthias Platzeck, geschrieben und darin seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, „dass Sie dieser Brief noch rechtzeitig erreicht, so dass weiterer Unfug verhindert werden kann“.

Vom Flughafen war am Donnerstag keine Stellungnahme zu der Umtauschaktion zu bekommen. Der bekam jedoch Rückendeckung vom Naturschutzbund (Nabu).

Nabu verteidigt Austauschaktion

Zwar hätten die unveredelten Bäume keinen Riesenschaden auf den Rieselfeldern angerichtet. „Es ist aber trotzdem richtig, die in Holland gezüchteten Linden gegen gebietsheimische Bäume auszutauschen“, sagt Reinhard Baier vom Nabu. Das sei auch das Bestreben des Naturschutzes, und so habe es wohl auch in der Ausschreibung gestanden. „Die Regionalität soll damit erhalten bleiben“, erklärt Baier.

Nach Ansicht des Nabu sei der Flughafen zudem schon einen Kompromiss eingegangen, indem er nicht alle falschen Bäume habe austauschen lassen. Baier sagt dazu: „Wenn ich Roggenbrötchen bestelle, kann mir der Bäcker nicht weiße Brötchen geben und sagen, die seien ja auch essbar.“