Berlin - Meine Schwiegermutter, 90 Jahre alt, hat etwas Aufregendes erlebt. Am Mittwoch wurde sie von zu Hause abgeholt, um im Impfzentrum ihre Spritze gegen Corona zu empfangen. Alles ging gut.

Ich mag meine Schwiegermutter sehr. Sie ist eine alte Berliner Pflanze. Es kommt vor, dass sie ein Berliner Liedchen singt, wenn sie mich sieht: „Siehste wohl, da kimmt er,/ lange Schritte nimmt er,/ siehste wohl, da kimmt er schon,/ der versoffne Schwiegersohn.“ Ich revanchiere mich dann mit dem beliebten Reim, den man beim Zeichnen singt: „Punkt, Punkt, Komma, Strich,/ fertich ist det Mondjesicht./ Eeen Fund Keese, een Fund Butta,/ fertich is die Schwiejermutta!“ So hat jeder seinen Spaß.

Apropos Schwiegersohn - vor einiger Zeit passierte Folgendes: Mein eigener Schwiegersohn war mit meiner Tochter und der Enkelin zu Besuch. Irgendwann sagte er beiläufig, dass er kein Bier mehr zu Hause habe. Da bot ich ihm an, zwei Flaschen von mir mitzunehmen. Da antwortete er: „Nöö, lieber nicht. Ich möchte nicht der Schwiegersohn sein, der dir das Bier wegtrinkt.“ Huch, was war passiert?

Es liegt an einer alten Geschichte, die ich vor vielen Jahren schrieb, etwas ironisch zugespitzt. Meine Tochter hatte einen Kindergartenfreund. Der war niedlich, frech und besuchte sie auch zu Hause. Sie spielten „heiraten“, mit Barbiepuppen. Und mit mir ging er ziemlich keck um für sein Alter.

„Der fühlt sich hier schon richtig zu Hause. Das geht aber flott“, sagte ich zu meiner Frau. „Ach, die spielen doch nur“, sagte sie. „Spielen? Der nistet sich hier ein“, sagte ich, „und bald wird er mir hier das ganze Bier wegtrinken.“ – „Mensch, der Junge ist erst sechs Jahre alt!“ – „Na, umso schlimmer, dann kann er sich ja noch prächtig entwickeln.“

Meine Tochter ist längst aus dem Kindergartenalter raus, der Freund von damals längst passé. Doch der Mann, mit dem sie zusammen ist und ein Kind hat, las eines Tages meine Geschichte von damals. Und er hat sich entschieden, nicht der Typ sein zu wollen, der mir das ganze Bier wegtrinkt.

Von Schwiegersöhnen, Schwiegermüttern, Kind und Kegel und der „janzen Mischpoke“ lebt übrigens die Hälfte der alten Berliner Geschichten. Ich habe mal geguckt: Das Liedchen, das meine Schwiegermutter manchmal singt, wenn ich mich nähere, ist die 1887 entstandene Berliner Kreuzpolka „Siehste wohl, da kimmt er“ von Rudolf Daase. Den Text schrieb Alfred Schmasow. Und der geht so:

„Siehste wohl, da kimmt er,/ lange Schritte nimmt er,/ siehste wohl, da kimmt er schon,/ der versoffne Schwiegersohn./ Siehste nicht, da steht er,/ seinen Schnurrbart dreht er./ Ja, oh ja, er muss ihn drehn,/ denn er muss zur Hochzeit gehn./ Wenn du denkst, du hast’n,/ springt er aus’m Kasten./ Wenn du denkst, es ist dein Schatz,/ isses nur ein Hampelmatz!/ Siehste, jetzt verschwindt er,/ eine andre nimmt er./ Oder auch er hat se schon,/ dieser blöde Schwiegersohn.“

Meiner hat übrigens den Spieß umgedreht: Er bringt mir jetzt immer Bier mit. Es ist besser gelaufen, als ich einst befürchtete.