Berlin - Es war die Grausamkeit, die besonders schockierte. Als in der Nacht zum 4. Juni diesen Jahres der 32-jährige Orhan S. in seiner Wohnung in Kreuzberg seine Ehefrau Semanur (30) erstach, ihr anschließend Kopf und rechte Brust abschnitt und den Leichnam in den Hof warf, war das Erschrecken groß. Jetzt ist die Anklageschrift fertig. Der psychiatrische Gutachter hält Orhan S. für psychisch krank, plädiert für die Unterbringung im Maßregelvollzug, weil weitere Gewalttaten wahrscheinlich seien. Ein Prozesstermin steht noch nicht fest.

Die Tat hatte für Aufsehen gesorgt, gerade bei Migranten. Nachbarn im Wohnhaus in der Köthener Straße hatten die Gewalttat auf der Terrasse mitbekommen. Sie hatten gehört, dass Orhan S. „Allahu Akbar, Sheytan“ (Gott ist groß, du Teufel) rief, als er seine Frau offenbar im religiösen Wahn tötete. Er habe „das Böse“ vernichten wollen, wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor.

Psychische Probleme des Täters bekannt

In den Tagen danach kamen 300 Menschen zu einer Trauerkundgebung. Dabei trugen Männer T-Shirts mit der Aufschrift „Männer gegen Gewalt“. Prävention sei notwendig, ebenso Hilfsangebote für entwurzelte männliche Angehörige der zweiten oder dritten Einwanderergeneration.

Orhan S. hatte schon lange psychische Probleme. Nach seinem Abgang (mit erweitertem Hauptschulabschluss) von der Carl-von-Ossietzky-Schule in Kreuzberg arbeitete der gebürtige Berliner in der Baufirma eines Bruders, später betrieb er ein eigenes Abrissunternehmen. 1996 lernte er seine erste Freundin kennen, eine Deutsche, was seine Eltern nicht tolerierten. Die Beziehung zerbrach. 1998 heiratete er Semanur bei einer Hochzeit daheim, im äußersten anatolischen Osten der Türkei. Das Paar zog nach Berlin, doch die Ehe blieb trotz sechs gemeinsamer Kinder unglücklich.

Orhan S. hatte noch eine Zweitfamilie, mit Leila Kh. hatte er zwei Kinder. Er hielt aber Kontakt zu seinen sechs Kindern mit seiner Ehefrau, stritt sich aber oft mit ihr. Zwischenzeitlich lebten alle elf Personen unter einem Dach.

2007 eskalierte die Situation. Der inzwischen von Hartz IV lebende und auch wegen exzessiven Cannabis-Konsums oft nur noch in den Tag hinein dämmernde Mann hielt seine Frau für schuldig an der Misere, sah in ihr den „Teufel“. Die geschlossene Psychiatrie des Urban-Krankenhauses, in die er damals eingewiesen wurde, bescheinigte eine „akute Psychose“, doch gab es schon Anzeichen für eine Schizophrenie. So glaubte er zwischenzeitlich, „Jesus“ zu sein und fühlte sich von „den Türken verfolgt“.

Anklage wegen Schüssen

Ebenfalls vor Gericht, freilich wegen Mordes, muss sich in nächster Zeit Ömer Ku. verantworten. Ihm wird vorgeworfen, in der Nacht zum 21. Mai auf offener Straße Metin Ki. erschossen zu haben. Er hatte bei seinem Opfer, einem Imbissbetreiber, 16 000 Euro Schulden.

Unter dem Vorwand, das Geld übergeben zu wollen, verabredeten sie sich an der Gottschalk-/Ecke Wollankstraße in Gesundbrunnen – dort hatte es einen Monat zuvor schon eine Übergabe gegeben. Nachdem beide aus ihren Autos gestiegen waren, schoss der spielsüchtige Schuldner seinen Gläubiger von hinten nieder. Als dieser gestürzt war, schoss er ihm zwei Mal in den Hinterkopf. Ein Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen. (mit ls.)