Am 20. August spielt das Farin Urlaub Racing Team in der Berliner Kindl-Bühne Wuhlheide ein Heimspiel unter dem Motto „Es besteht keine Gefahr für die Öffentlichkeit“. Warum Farin Urlaub, der in Frohnau aufwuchs, nach Jahren der Stadtflucht zurückzog nach Berlin, erzählt er im Interview.

Demnächst erscheinen „Danger“, das neue Live-Dokument Ihres Farin Urlaub Racing Teams und Ihr umfangreicher Doppelbildband „Afrika“. Wie viel Platz gesteht der dauerreisende Farin Urlaub der Musik noch zu?

Es schlagen viele Herzen in meiner Brust. Meine Reisen bedeuten mir so viel, dass ich kurzzeitig dachte, auf alles andere verzichten zu können. Ich habe es dann auch ausprobiert, aber das Dauerreisen führte zur Überlast an Eindrücken. Ich brauchte ein Ventil und habe kleinlaut wieder Musik gemacht. Inzwischen mache ich weniger Musik, aber wenn, dann will ich sie auf den Punkt bringen.

Sind Rockmusik-Strukturen dabei besonders hilfreich?

Ich kann alle Aspekte an der Rockmusik kontrollieren. Ich habe ein ganz präzises Bild von dem, was ich in der Musik erreichen will. Da gibt es keinen Platz für Experimente.

Warum ist Struktur ein zwingendes Muss für Sie?

Als Kind war ich eine ganz große Katastrophe, schwer verhaltensgestört. Heute hätte man mich mit ADS diagnostiziert, damals hieß die Diagnose: Zappel-Philipp. Ich hatte einen eigenen Tisch in der Schule, damit die Lehrerin mich bändigen konnte. Dann kam die Pubertät und alles steigerte sich noch.

Und dann kam Die Ärzte-Mitbegründer Bela B.

Ja, letzten Endes schon. Ich hatte plötzlich eine Form des Kanalisierens gefunden. Ich wollte ganz vieles gleichzeitig und stellte fest, dass ich mir mit meinem unstrukturierten Habitus selber im Wege stand. Ich fing an, mir selbst Struktur beizubringen und schaffte plötzlich rasant viel mehr.

War Ihre eigene Resozialisierung letztlich die Initialzündung für den überzeugten Individualisten Farin Urlaub?

Auf jeden Fall. Aber es hätte alles ganz anders kommen können.

Bewahrt Sie dieses Bewusstsein seit jeher davor, in ihren Liedern Ratschläge zu verteilen?

Ich darf nicht nur ein privilegiertes, sondern ein sehr glückliches Leben führen. Das resultiert natürlich aus meinem Nutzen der Privilegien. Ich nutze sie zum Reisen, um ein bisschen was dazu zu lernen und ganz einfach ausgedrückt, um eine schöne Zeit zu haben. Ich könnte die Privilegien auch dazu nutzen, noch mehr Geld zu verdienen. Lebenshilfen in meinen Songs zu verteilen, fände ich deshalb gefährlich.

Über den Einsatz von Dynamit gegen die architektonische Diktatur des rechten Winkels denken Sie aber laut nach.

Natürlich bin ich zu feige, den echten Sprengstoff einzusetzen, aber ein bisschen Fantasie darf mir ja gegönnt sein. Tatsächlich habe ich aber alternative Architektur-Ideen, die jeder Stadtplaner umgehend zunichte machen würde, weil nicht mehr der Autoverkehr der dominante Faktor in Stadtplanungen wäre, sondern der Mensch.

Was stört Sie an Berlin?

Der Potsdamer Platz ist ein Verbrechen, aber der ist nur bedingt vergleichbar mit Brasilia, die am Reißbrett entworfene Stadt im Dschungel. Lebensfeindlicher ist vielleicht noch der Mars. Ich antworte auf ihre Frage aber am liebsten theoretisch. Warum fühlen sich Menschen in Siena, Paris und in gewissen Teilen von Kyoto wohl? Berlin bietet immerhin noch Ecken, die okay sind.

Sie sind nach Jahren der Berlin-Flucht wieder zurückgekehrt.

Hier passiert viel, aber ich wohne außerhalb, weil ich gerne ruhig schlafe. Eigentlich fühle ich mich ein bisschen betriebsblind in Berlin und werde gerade deshalb immer wieder überrascht von der Stadt.

Können Sie den andauernden Berlin-Sog, der längst Künstler aus New York hierhergezogen hat, nachvollziehen?

Ja, Berlin wirkt wirklich inspirierend auf Leute, die hierher kommen, weil sie sich hier eine Zeit lang vergessen können. Ich hatte neulich ein schönes Erlebnis, als ich am Kanal entlang lief und nacheinander Spanisch, Türkisch, Englisch, Arabisch, Italienisch, Chinesisch und dann Deutsch als achte Sprache hörte. Vergleichbar viele Sprachen hört man bestenfalls noch in Hongkong. Berlin ist, was New York früher war.

Ob es die Mehrheit kümmert, die Sie im Song „iDisco“ überraschend kulturpessimistisch betrachten?

Grundsätzlich singe ich in meinen Liedern nicht von mir. Aber auch ich kann mich von einem gewissen Kulturpessimismus nicht freisprechen, wenn ich mitbekomme, dass das Leben darin besteht, sich alles zwei Jahre ein neues technisches Gerät zu kaufen, das man dazu nutzt, seine Zeit in Chaträumen zu verbringen.

Und mittlerweile hört jeder fünfte Die Ärzte-Fan vollkommen schamlos auch Helene Fischer.

Oje! Wenn dem so ist, haben die Hardware-Hersteller ihre Mission erfüllt. Für die ist Musik sogenannter „Content“ und nicht Ausdruck eines Lebensgefühls, ein Banner, um den man sich versammeln kann. Es soll Leute in Amerika geben, die Frank Zappa oder Roger Waters hören und Republikaner wählen. Das kann bitteschön nicht sein! Sind die taub? Ich sehe deswegen aber trotzdem keinen Grund dafür, mich als Musiker in irgendeiner Form zu positionieren.

Also doch kein Kulturpessimismus.

Die Formel, nach der immer die anderen die Dummen sind, kann ich nicht unterschreiben. Sind diejenigen, die anderen ihre Intelligenz absprechen, nicht viel dümmer?

Die Vielschichtigkeit ist der Grundtenor Ihres Lebens.

Noch mehr reizt mich das Thema der Gleichzeitigkeit. Während wir hier gerade schönes Wetter genießen, finden die Teile der Welt, die ich schon bereist habe gleichzeitig statt. Während wir hier reden, leben die Leute ihr Leben in Osttimor weiter, weit weg von unserer Art der Zivilisation. Das finde ich sehr spannend.

Das Gespräch führte Michael Loesl

Farin Urlaub Racing Team: „Es besteht keine Gefahr für die Öffentlichkeit“, 20. August 2015, 19.30 Uhr, Kindl Bühne Wuhlheide, Straße zum FEZ 4. Tickets ab 40,50 Euro