„Es war mir von Anfang an klar, dass ich irgendwann wieder in Berlin präsentiere.“ Designerin Nobieh Talaei über ihre Rückkehr von Paris an die Spree.
Foto: BLZ/Paulus Ponizak

BerlinSie war die große Hoffnung der Berliner Mode im Juli 2015, als sie auf der Fashion Week debütierte, und sie könnte auch jetzt wieder für neuen Schwung sorgen. Die Berliner Designerin Nobieh Talaei vom Label Nobi Talai hat das, was man eine eigene kreative Handschrift nennt, entwirft elegante Mode für Frauen von heute, die von traditioneller Nomadenkleidung sowie von minimalistischer Herrenkonfektion inspiriert ist, Lagenlooks aus weich fallenden Stoffen.

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Einige Saisons lang konnte das Berliner Publikum diese Kollektionen nur von der Ferne betrachten. Die Designerin hatte es nach Paris gezogen. Dass sie nun zurück ist und seit dem vergangenen Sommer ihre Models wieder über den Berliner Runway schickt, gehört zu den besten Nachrichten der jüngeren Zeit für die Berliner Modewoche. Talaei begründet diesen Schritt auf vielleicht naheliegendste Art und Weise: Berlin sei ihre Heimat, sagt sie, wenige Tage vor ihrer neuen Schau. „Es war mir von Anfang an klar, dass ich irgendwann wieder in Berlin präsentiere“ Seit über 20 Jahren lebe sie ausgesprochen gerne in Berlin, habe dort ihr Atelier, ihr Team und fühle sich der deutschen Modeszene sehr verbunden.

Ausstellungen der „Local Heroes“ und Pop-up-Galerie

Am Mittwochnachmittag wird Talaei im Kraftwerk bei der Mercedes-Benz Fashion Week (MBFW) eine Kollektion zeigen, die sie unter das Motto „Nobis kulturelle Schatztruhe“ zusammenfasst und als „eine Melange aus Bildern aus meiner Kindheit im Iran und des Erwachsenwerdens in Europa“ beschreibt. Talaei ist eine von neun von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betrieb geförderten „Local Heroes“. Ihr, Last Heirs sowie DSTM ermöglicht dies eine Modenschau, die übrigen sechs – Brachmann, Vladimir Karaleev, Julia Leifert, Marcel Ostertag, Steinrohner und Isabell Vollrath – werden jeweils fünf Looks in Installationen vorstellen, die während der gesamten Fashion Week auch ohne Einladung zu sehen sind.

Mode und Accessoires mit der Handschrift der Designerin Nobieh Talaei.
BLZ/Ponizak

Die Ausstellungen der „Local Heroes“ sowie eine weitere mit Kreationen südafrikanischer Designer gehören zu den Neuerungen der MBFW in dieser Saison, ebenso wie eine Pop-up-Galerie mit einer Ausstellung von Armin Morbach. Möglich macht das der größere Ort, das Kraftwerk, eine „Location mit einem starken Signet“, mit der man wunderbar arbeiten könne, und die auch bei den Designern sehr gut ankomme, wie es Marcus Kurz, Geschäftsführer der Kreativ- und Produktionsagentur Nowadays und Veranstalter der MBFW beschreibt. Der Umzug dorthin sei nötig geworden, weil die MBFW im E-Werk an seine Grenzen gestoßen sei.

Umzüge und andere Veränderungen ist man in Berlin inzwischen gewöhnt. Im Januar 2018 wurde die zuletzt auch qualitativ eher durchwachsene Fashion Week neu aufgestellt. Der Schauenkalender wurde radikal ausgedünnt, gleichzeitig hat die MBFW unter anderem mit Public Screenings die Türen für ein breites Publikum geöffnet. Für Aufbruchsstimmung sorgte der Relaunch damals, die spätestens mit dem Ende des Berliner Mode Salons im Frühjahr 2019 jedoch jäh getrübt wurde.

Schmerzlich wurde die beliebte Ausstellung im vergangenen Sommer vermisst. Vielleicht nur eine Frage der Perspektive: Der Salon habe für Deutschland und Berlin viel gebracht, aber jetzt sei es an der Zeit umzudenken, meint Kurz, der auch den Berliner Mode Salon mitorganisiert hatte. Nun gäbe es einen Freiraum für neue Ideen.

Nobieh Talaei´s Kollektionen ihres Labels Nobi Talai entstehen in Berlin.
Foto: BLZ/Ponizak

Und um die geht es nicht nur in Berlin. Tatsächlich ist das Modell Fashion Week auch international im Umbruch begriffen. Die Frage, ob ein halbjährliches Branchentreffen mit orchestrierten Modenschauen in Zeiten der Digitalisierung überhaupt noch Sinn ergeben, wo Trends längst ganz anderswo entstehen – und das in rasender Geschwindigkeit, die mit dem traditionellen Rhythmus kaum mehr etwas zu tun hat –, drängt sich selbst bei den vier Großen, in Paris, New York, Mailand und London, auf.

New York reduzierte die Tage, London bot für ausgesuchte Schauen Tickets zum Kauf an. Die Stockholmer Modewoche, die 2005, nur zwei Jahre vor der Berliner Fashion Week erstmals stattfand, wurde im vergangenen Frühjahr vom Swedish Fashion Council gleich ganz abgesagt – aus Nachhaltigkeitsgründen. Abgelöst werden soll sie von einem klimafreundlicheren Konzept, an dem momentan jedoch noch gearbeitet wird. Wo die Reise hingehen soll, weiß offenbar keiner so genau.

Marcus Kurz hat sich an die steten Unkenrufe offenbar gewöhnt. Geschlagen geben wird er sich glücklicherweise nicht so schnell. „Ich wünsche Berlin, dass es seine Stärken erkennt und Neuerungen zulässt“, sagt er. So könne es seinen Platz neben anderen internationalen Standorten behaupten und relevant bleiben.

Kreative Lösungen, die noch dazu cool aussehen

Weniger Probleme mit der Relevanz haben jedenfalls die Messen. Hier läuft das Business, doch auch sie zeigen Lust auf Veränderung: Premium und Seek, indem sie ihr Talkprogramm ausbauen, Panorama und Neonyt mit neuen Standorten am Flughafen Tempelhof, allesamt mit einem verstärkten Interesse am Überthema Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit könnte sich in der Tat zu einer der genannten Stärken Berlins schärfen, aber auch das, was Berlin schon immer gut konnte: kreative Lösungen für kleinere oder größere Probleme finden, die noch dazu cool aussehen. Start-ups, die Mode und Technologie verbinden, können das leisten, oder Kollaborationen zwischen traditionellen Marken und kreativen Köpfen: Die Bielefelder Hemdenmarke Seidensticker bringt eine Kapselkollektion mit den Murkudis-Brüdern heraus, Taschenhersteller PB1001 einen von Lars Eidinger nach dem Vorbild von Fruhtrunks Aldi-Tüte gestalteten Shopper.

So oder auf andere Weise – schön wäre es, wenn man sich wieder darauf konzentrieren könnte, worum es ja eigentlich gehen sollte: auf die Mode. Die Designerinnen und Designer hätten es verdient, Berlin auch.