Los geht’s: Der erste Tag der Fashion Week im Zelt am Brandenburger Tor hat pünktlich um 10 Uhr mit der ersten Schau begonnen. Bis zum Wochenende werden wir an dieser Stelle über die Mode der Fashion Week berichten. Über Schönes und Schlimmes, gute Einfälle und ordentliche Aussetzer.

Hien Le: Libellenflügel auf der Hose, Sandbeige als Pullover, Sundowner-Rot für Kleider und Overalls: Das klingt nach Urlaub, und das sieht bei den Herren in den Bermudas mit dem grünschillernden Insekten-im-Dschungel-Muster auch ganz danach aus. Aber bei dem aus Laos stammenden Berliner Designer Hien Le wird dann doch eine Kollektion für den Sommer in der Stadt daraus, minimalistisch und klassisch in der Form. Das ist korrekt und im guten Sinne kommerziell. Nach subtilen Beige-Weiß-Schichtungen erfreut man sich am Ende am meisten an den schönen Kombinationen von Tomatenrot und Korallenrot.

Sissi Goetze: Verknappt gesagt, macht Sissi Goetze Mode für kleine Strolche, die groß geworden sind. Die Hosen sind oft eine Handbreit zu kurz, Bermudas werden absichtsvoll zu hoch gezogen, Kapuzenjacken sind so kastig überschnitten, als müssten die Schultern dafür erst noch breit genug werden. Das hat, zusammen mit den bei Sonne praktischen Schirmkappen, einen ganz eigenen nostalgischen Charme. Auch wegen Farben wie Tiefschwarz und einem metallischen Graublau wird daraus letztlich das Paradoxon einer unkonventionellen Schuluniform.

Lena Hoschek: Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh’n? Lena Hoschek scheint neulich da gewesen zu sein, denn bei ihr geht es nach Italien. Über den mit Gras ausgelegten Laufsteg federn die Models in Trägerkleidern, und ihre gewerbeunüblich heiteren Mienen verraten, dass Frauen Konzeptmode zwar als intellektuell anregend empfinden, aber heimlich die Säume schwingen oder die Hüften rollen lassen wollen. Das geht am besten im Kleid: mal schmal, vorne mit Riesenschleife; mal als Cocktaildress von Satinröschen übersät. Man möchte Eis essen gehen. Dazu passen auch die Sorbet- und Beerentöne der Stoffmuster: Kirschen, Erdbeeren, Zitronen, Blaubeeren. Aber wie immer eben auch sehr viele Rosen.

Sopopular: Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau, Steingrau, Bleigrau, Zementgrau – spätestens seit Loriots Film Ödipussi wissen wir, dass Grau nicht einfach Grau ist. Dieses Wissen nutzt der Berliner Designer Daniel Blechman mit seinem Label Sopopular. Im neuen Studio „Stage“ steckt er seine über und über tätowierten männlichen Models in mausgraue Bermudashorts, steingraue Jacketts und zementgraue Kapuzenjacken. Kantig und rotzig soll die Mode sein, und so trägt die Show denn auch den Namen „Black Hole Sun“ in Anlehnung an den 90er-Jahre-Song der Gruppe Soundgarden, in dessen Video ein Mann eine Barbiepuppe grillt und zur Strafe von einem Schwarzen Loch gen Himmel gezogen wird.

Malaikaraiss: Es sind die Details, die die Kollektion der Berliner Designerin Malaika Raiss so zauberhaft machen: An transparenten, gerade geschnittenen Hemden sitzen filigran ausgefranste Spitzenkrägelchen, grafische Linien formen die Muster orientalischer Kacheln nach, Rückenausschnitte gleichen denen von Sportlertrainingsshirts. So klassisch und zurückhaltend die Schnitte der Hosen, Kleider und Strickpullover auf den ersten Blick auch anmuten – die Entwürfe waren verspielt, die Farbnuancen von pudrigem Rosa und blassem Beige spannend.

Riani: Es laufen auf: Die Highschool-Abschlussballkönigin, das Baseballluder, mit der Rückennummer 35 über dem Ledermini, die Hausfrau aus den Sechzigern, kleinkariert im Etuikleid mit Blumenapplikation, die schmutzige Schwiegermutter, ganz in Schwarz, ein Netzjäckchen über dem knappen Badeanzug, es fehlt nur das Whiskeyglas in ihrer Hand. Was uns Riani damit über die Frau von heute sagen will, bleibt offen. Zumindest trägt sie wieder Hochsteckfrisuren wie einst die Supremes.

Achtland: Ein zarter Sommertraum. Diese drei Worte beschreiben ganz simpel die Kollektion, die das Designerduo Achtland im Kronprinzenpalais Unter den Linden vorstellt. Feiner seidiger Fluss in pastelligen Tönen umspielt die Körper der mädchenhaften Models. Leichte, an den Enden ausgefranste von Blau bis Weiß changierende Stoffbahnen vereinen sich zum knielangen Rock. Akzente setzt kräftig leuchtendes Gelb. Asiatische Blumenstickereien auf roséfarbener Seide lassen die Städterin im kommenden Sommer zur modernen Geisha werden.

Kilian Kerner: „Hör nicht auf mit träumen“, lautet das holprige Motto der Show des Berliner Designers, der zu Live-Musik alles auf den Laufsteg schickt, was sich an zwiespältig steifen Stoffen mit Glitzereffekten auftreiben ließ. Die Models tragen Radlerhosen, darüber kurze Plastikhöschen, bauchfreie Tops und lange Röcke zu glitzernden Laufschuhen. Traumhaft ist das nicht, eher seltsam, was noch durch die blonden Perücken der Models verstärkt wird, so- dass alle aussehen wie aus dem Horrorfilm „Das Dorf der Verdammten“.