Die Botschaften sind klar: „Save the Planet with Style“, „Make Fashion change the World“, „Fair is the new Black“ steht auf den Transparenten, die eine Gruppe junger Leute am Donnerstagmittag durch Mitte trug. Schütze den Planeten mit Stil, lass Mode die Welt verändern, Fair ist das neue Schwarz.

Es sind Teilnehmer des ersten „Fair Fashion Move“, der im Rahmen der Berliner Modewoche stattfand. Vom Alex zum Kraftwerk führte der Zug, vorbei am Einkaufszentrum Alexa, in dem die Fast-Fashion-Riesen momentan, im Schlussverkauf, mit noch günstigeren Angeboten als sonst um Käuferinnen und Käufer buhlen. Noch ist die Gruppe überschaubar. Rund 200 Menschen haben sich der Parade angeschlossen, immerhin. Die Stimmung ist gut, die Demonstranten, die so eigentlich gar nicht genannt werden wollen, tanzen und jubeln, sie geben ein schönes Bild ab, ein positives.

Faire und grüne Mode ist kein Nischenthema

Organisiert hat den Fair Fashion Move Hessnatur, einer der großen deutschen Anbieter für grüne Mode. Das Ziel: Sichtbarkeit. Der Zug soll ein Aufruf zum Umdenken in der Mode sein, für eine Branche, die zu den schmutzigsten überhaupt zählt, vor allem aber auch für die Verbraucher, die noch nicht wissen, dass nachhaltige Mode schön sein kann, und erschwinglich. Überzeugungsarbeit scheint noch immer nötig, das weiß auch ein Pionier wie Hessnatur. „Wir müssen raus aus unserer Blase“, sagt Lisa Wagner. „Es gibt so tolle nachhaltige Mode, und keiner bekommt es mit.“

Wagner ist bei dem Unternehmen für Kommunikation verantwortlich, von ihr stammt die Idee. Umgesetzt wurde sie mit der Messe Frankfurt, die schon seit einigen Jahren die beiden Berliner Modemessen für nachhaltige Mode, Greenshowroom und Ethical Fashion Show Berlin, veranstaltet. Dass ein solcher Player auch bei Aktionen wie dieser mit von der Partie ist, ist durchaus als Signal zu verstehen: Faire und grüne Mode ist kein Nischenthema, nicht mehr.

Während man bei der Fashion Week gerade den Eindruck hatte, dass diese noch nach ihrer Linie sucht, hat sich Berlin in der nachhaltigen Mode längst als Standort etabliert. Seit neun Jahren gibt es den Greenshowroom, später kam die Berliner Ausgabe der Ethical Fashion Show dazu, in der der Schwerpunkt auf Urban-Wear und Street-Wear liegt. Seitdem wachsen beide an und schärfen ihr Profil. Mit Erfolg.

Für grüne Mode ist Berlin tatsächlich international eine der wichtigsten Plattformen. In diesem Sommer zeigten auf den beiden Messen 140 Labels aus 24 Ländern ihre Modelle. 44 Prozent von diesen waren zum ersten Mal dabei. Als Erweiterung des Profils fanden auf den Messen zudem zum wiederholten Male die beiden Konferenzen Fashionsustain und Fashiontech statt, in denen es um Innovationen in der Textilbranche geht. Die Veränderungen gehen weiter: Nach Ende dieser Modewoche sind die Namen Greenshowroom und Ethical Fashion Show Berlin Geschichte.

Es geht um die zeitgemäße Weiterentwicklung von Ideen

NEONYT nennt sich das neue Format, in dem beide aufgehen. Das Kunstwort setzt sich aus dem altgriechischen und dem schwedischen Wort für neu, „neo“ beziehungsweise „nytt“ zusammen. Das Konzept überzeugt. Geschaffen werden soll ein globaler „Hub“, also ein Zentrum für nachhaltigen, zukunftsorientierten Lifestyle, was nicht nur grüne Mode, sondern auch Innovationen in Sachen Nachhaltigkeit umfasst. Das ergibt Sinn, schließlich spielt die Wertschöpfungskette, an deren Ende ein Kleidungsstück steht, in viele weitere Bereiche hinein, was Fertigung, Distribution und Vermarktung angeht.

Alles ist miteinander verzahnt und soll in Zukunft noch konkreter zusammengedacht werden. Auch personell gibt es Kontinuitäten, Kreativdirektorin bleibt Magdalena Schaffrin, die einst den Greenshowroom gegründet hat. Worum es geht, ist eine zeitgemäße Weiterentwicklung der Ideen, was erfreulicherweise auch heißt, dass die Mode an sich in Zukunft noch stärker im Fokus stehen soll.

Die Aussteller, so hieß es in der Pressemitteilung zu den Messen in diesem Sommer, seien noch stärker modisch kuratiert worden, und tatsächlich fällt dies beim Messerundgang auf und entspricht offenbar auch den gestiegenen Ansprüchen des Fachpublikums. „Wer hier herkommt, ist bereits überzeugt“, sagt etwa Mikel Feijoo Elzo vom spanischen Label SKFK. „Die Mode selbst, das Design ist es, was entscheidet.“

Er weiß, wovon er spricht. Sein Label, das in den 1990ern in Spanien gegründet wurde, firmierte bis vor Kurzem noch unter dem Namen Skunkfunk. Irgendwann passte dieser samt Logo und Konzept nicht mehr in die Zeit, also erfanden sie sich neu.

Für das neue modische Selbstbewusstsein nachhaltiger Marken stehen auch Labels wie Jan’n June aus Hamburg, die junge Mode für Frauen machen, die vielleicht nicht jeden Trend mitmachen wollen; die Schuhmarke Nat-2, gegründet von Sebastian Thies, Schuhdesigner in der sechsten Generation, deren vegane Luxus-Sneakers gewiss auch Omnivore überzeugen, oder – um beim Thema Turnschuhe zu bleiben – die aus Plastikmüll gefertigten Sneakers von den Spaniern von Ecoalf.

„Greenshowroom Selected“ erstmals im Rahmen der Fashion Week

Dennoch: Das alte Klischee, nachhaltige Mode sei sackig, trutschig, altmodisch, ist ein hartnäckiges. Klar gibt es sie noch, diese Marken, deren Zertifikate hübscher glänzen als die Kollektionen. Auf den Berliner Messen muss man sie mittlerweile suchen, aber warum sollte man das tun? Was nützt eine Mode, die keiner anziehen möchte? Was kann nachhaltig sein an schlechtem Design? Auch nachhaltige Mode ist vor allem eins: Mode, und die muss Begehrlichkeiten wecken. Dass Designer und Labels das erkannt haben, und dass diese keine Angst vor dem Massenmarkt haben, ist die positivste Nachricht, die man von der Berliner Modewoche mitnehmen kann.

In diesem Sinne ist zu verstehen, dass die Modenschau von „Greenshowroom Selected“ dieses Mal erstmals im Rahmen der Fashion Week stattfand. Stylistin Claudia Hofmann stellte dafür Outfits verschiedener Designer zusammen und warb für das modische Potenzial der grünen Anbieter an sich. Das könnte der Weg sein: Wenn es auf diese Weise gelingen sollte, dass auch konventionelle Einkäufer von den Produkten überzeugt werden, gibt es für die Konsumenten keine Ausreden mehr.