Berlin - Dass die Berliner Fashion Week in der Krise stecke, hört man spätestens seit dem vergangenen Sommer immer wieder. Die großen Namen konzentrieren sich zunehmend auf den asiatischen Markt und auch wieder auf die europäischen und amerikanischen Modenzentren: Paris, Mailand, New York. Wer die Berliner Fashion Week deshalb aber gleich abschreibt, zeigt nur den komplexbehafteten Zwang, sich ständig mit anderen Metropolen vergleichen zu müssen. Berlin ist nicht Paris – und muss es auch nicht werden. Vielleicht hat die Stadt stattdessen die Chance, mit etwas ganz Eigenem groß zu werden. Am Dienstag um Punkt 10 Uhr begann am Brandenburger Tor die Fashion Week, trotz aller Unkereien mit vollem Zelt.

Hien Le. Den Auftakt macht wieder einmal der Berliner Designer Hien Le, dessen Entwürfe für Herbst und Winter 2014/15 klar von moderner Architektur beeinflusst zu sein scheinen. Ohne das kathedralenhafte einer ähnlich beeinflussten Grenzgängerin wie der Holländerin Iris van Herpen sind Hien Les Entwürfe puristisches Design in Form und Farbgebung. Kastenartige Jacken und Mäntel für Frauen und Männer sind eher schützende Verhüllung als körperbetonender Hinweis auf das Geschlecht. Sexiness gibt es nur auf den zweiten Blick. „Zurückhaltend“ nennt der Berliner Designer, der aus Laos stammt, seine Kollektion und trifft es damit punktgenau.

Besonders Hien Les Kunstlederentwürfe sind ganz wunderbar umgesetzt. In verhaltenem rostrot umschmeicheln sie den Träger oder eben die Trägerin wie eine zweite Haut, ohne dabei zu nah an den Körper zu kommen. Nur Hien Les Seidenkleider passen sich materialbedingt den Körpern an und umhüllen sie in blassem Petrol und kräftigem Rot. Fast wie eine Flüssigkeit – so leicht wirken die Seidenkleider. Hien Le ist ein noch sehr junger Designer, dessen Professionalität und großes Talent aber von Kollektion zu Kollektion deutlicher zutage treten.

Ivanman. Ebenfalls ein noch junges Label ist Ivanman aus Berlin. Der Designer Ivan Mandzukic wendet sich mit seiner Schau im Studio ans avantgardistisch gesinnte Herrenpublikum, das auch vor Layer-Optik, durchbrochener Strickware und leuchtendem Rot nicht zurückschreckt. Die Entwürfe wirken exotisch, lassen jedoch (noch) eine klare Linie vermissen.

Lena Hoschek. Wenn die pomadigen Korkenzieherlocken hüpfen, weit schwingende Pünktchenkleider wippen und die Dekolletés üppiger werden, dann ist die Zeit von Lena Hoschek gekommen. Wie gewohnt schickt sie sehr weibliche Outfits auf den Laufsteg, komplettiert durch Nahtstrümpfe und Taillengürtel. Im Hintergrund flimmern Aufnahmen von barbusigen Fifties-Damen über die Leinwand, dazu läuft Musik, bei der man jeden Moment Antonio Banderas erwartet, der durch eine Saloontür den Laufsteg betritt. Lena Hoschek setzt für den Winter auf Schwarz und Gold, auf großflächige Blumenprints, die an schwere Vorhänge erinnern, und auf transparente Spitzencorsagen.

Sopopular. Daniel Blechman, der Designer von Sopopular, ist erwachsen geworden. Seine Kollektion spielt mit männlichen Attributen mit Lederhosen und Jacken im Military-Style. Die Stücke sind simpel geschnitten und sehr gut verarbeitet , viel Strick ist dabei und schmale Anzüge in Schwarz, Dunkelblau, Bordeaux und einem hellen Aubergine. Ein Hingucker waren Wollhosen, die an Skiunterwäsche erinnerten. Um seine puristische Mode aufzumotzen, verwendete Blechman für ihn untypische Accessoires aus Leder: Brustgeschirr, Halskrause, Lendenschurz, Knieschoner. Ihr Nutzen ist zwar fragwürdig ist, aber wenn’s schön macht ...

Marc Stone. Die Einflüsse sind bei dem Schweizer Designer nicht von der Hand zu weisen: ein gerütteltes Maß an Glamourverweigerung aus dem Maison Martin Margiela, ein bisschen von Rei Kawakubos Dekonstruktivismus und ein wenig Cos trifft auf Cormac McCarthys „Die Straße“: Muskulöse Männerbeine in Unterhose enden in Jurtenstiefeln. Alles ist grau, kalt, blau, hart gefilzt, fast verschnitten, die Gesichter sind genderfrei. Das Ganze ist modern, doch etwas mehr eigene Handschrift hätte nicht geschadet.

Rebekka Ruétz. Die Designerin aus Tirol lässt sich gerne von den Kräften des Universums führen – was manchmal zu Fehlleitungen führt. Die äußern sich in seltsamen Materialkompositionen und aus der Form geratenen Kleidern. Nun scheint es das Universum gut gemeint zu haben. Denn so geradlinig wie diese Kollektion, kam ihre Mode selten daher. Sie zeigte zwar ihre typischen Roben aus unterschiedlichen Stoffen – vor allem Kunstleder, darauf legt sie wert. Es taucht als Passe an Schultern auf oder als Ärmel an übergroßen Pullovern. Die moderne Amazone, für die Rebekka Ruétz entwirft, trägt aber auch ein schmales Jackett zum langen Lederrock – Rebekka Ruétz kann nicht nur Kleider, sondern auch Konfektion.

Augustin Teboul. Wer sich morgens für Highheels entschieden hat, ist jetzt klar im Vorteil. Im dichten Gedränge in der Galerie Nolan Judin ist es schwer, überhaupt einen Blick auf die Kreationen des viel gepriesenen deutsch-französischen Designerduos Augustin Tebouls zu erhaschen. Diese sind gewohnt gehäkelt, voller Perlen – auch als Gehänge vorm Gesicht – , wieder einmal mit viel Transparenz, Stickerei, grazilem Kopfputz und allerlei vampireskem Tamtam. Das alles fällt dieses Mal noch ein wenig skulpturaler aus als sonst. Inspiriert hat Amelie Augustin und Odelie Teboul Jean Michel Jarres Album „Equinoxe“ (1978). Die Models tragen entsprechend nostalgisch-futuristische Cyborg-Frisuren. Größte Überraschung jedoch: Die beiden Damen haben ihre strikte Beschränkung auf die Farbe Schwarz ein wenig gelockert. Ihre Wahl? Ein blasses Nude für Strumpfhosenröcke, Häkelpullover und bestickte Leggings.

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