Fashion Week

Berlin - Wenn Kleider auf die Welt kommen, kann es sehr laut werden. Oder auch sehr leise sein. Der 1,60 Meter breite Plotter, der die Schnittmuster für Hemden, Hosen und dergleichen mehr erst in Originalgröße auf Papier druckt und dann ausstanzt, rattert schier endlos und übertönt jedes Gespräch bei Common Works in der Köpenicker Straße. Die Schere hingegen, die auf einem tischtennisplattengroßen Tisch durch sanften silbergrauen Stoff gleitet und dabei eine Seite eines Kragenstegs ausschneidet, verursacht kaum ein Geräusch – außer diesem feinen, metallisch-trockenen Schnarren, mit dem nur sehr, sehr scharfe Scheren widerstandslos durch Stoffe gehen.

Laut wollen sie eigentlich nicht sein in der Kreuzberger Produktionsagentur, die schon die Entwürfe vieler junger Designer von der vagen Vision auf Papier – oder vielleicht auch mal nur auf einer Serviette aus der Bar – in die Realität übersetzt hat. Common Works fertigt die Musterkollektionen an, die Prototypen, die auf Laufstegen und in Showrooms präsentiert werden. Und bleibt trotz der nicht gering einzuschätzenden Übersetzungs- und Interpretationsleistung dezent im Hintergrund, vergleichbar einem guten Lektor, der einem feststeckenden Autor den entscheidenden Hinweis für das Fortschreiben eines Buches geliefert hat. In diesem Fall beträfe der Ratschlag zum Beispiel den Sitz eines Knopflochs, den Schwung einer Naht, die Nuance einer Farbe – nicht unwesentliche Details, um ein Kleidungsstück ideal wirken zu lassen.

„Wir sind sehr zufrieden mit unserer Rolle hinter der Mode“, sagt Marte Hentschel, eine der Gründerinnen. „Der klassische Handwerker ist nicht unbedingt eine Rampensau.“ 15 Mitarbeiter hat sie: Bekleidungstechniker, Schnittmacher, Modedesigner, Maßschneider, Produktionsmanager. Und einen Gerätepark mit Wäscheknopflochautomaten, Sattler- und Rolliermaschinen, böse zischenden Bügelautomaten und, natürlich, vielen Nähmaschinen. „Alle Schneider sind Spezialisten bei uns“, erzählt Hentschel beim Marsch durch die nur von einigen Glastüren aufgeteilte Werkstatt. „Es gibt zum Beispiel die Chichi-Fraktion und das Herrenmaß, der handwerkliche Hintergrund ist ein komplett anderer. Die Diskussionen sind dann manchmal ganz lustig: Die Maßschneiderfraktion sagt: Das muss so, das geht nicht anders.“ Und die fürs Verspielte zuständige Fraktion entgegnete: „Wieso, das geht doch ganz anders!“

Wie fällt eigentlich Fell?

Verteilt sind sie auf 320 Quadratmetern einer Etage in einem alten Gewerbehof – und im Moment, so kurz vor den Schauen, alle ein bisschen versteckt hinter vollgepackten Kleiderständern mit viel Berliner Schwarz, kreideweißen Blusen und dann und wann ein wenig Rot und Blau dazwischen. „In der Hauptsaison können wir das Fünffache auffahren“, sagt die 34-Jährige. Sie führt im ausgestellten kurzen schwarzen Kleid durch die Räume, uralt sei es, an das Label könne sie sich beim besten Willen nicht erinnern. Warum auch – bei Common Works geht es nicht um das aus dem Kragen lugende Etikett, sondern um das Handwerk dahinter.

Wenn am Montag wieder einmal die Fashion Week im Zelt am Brandenburger Tor beginnt, dann haben sie dafür gut zehn der Kollektionen von Berliner Designern wahr werden lassen. Sie arbeiten für Augustin Teboul, wofür man den Schneidern wohl eine wahre Engelsgeduld attestieren kann; Annelie Augustin und Odélie Teboul kombinieren düsterschwarze und spinnwebfeine Häkeleinsätze nämlich gern mit schwerem Leder, das Zusammensetzen so konträrer Materialien erfordert Hingebung. Sie nähen für Blaenk und Bless, für Michael Sontag und Frank Leder, für Isabell de Hillerin und Umasan.

Anja und Sandra Umann, die hinter dem letztgenannten Label stehen, entwerfen Kleidung im körperfernen, japanisch dekonstruierten Stil – aus veganen Stoffen, gewonnen aus Algen oder Buchenholz. Auch um die Beschaffung solcher innovativen Materialien kümmert sich Common Works oft, eben „um alles, was in der Mode 3D ist“, wie Marte Hentschel sagt. Die großen Stoffproduzenten erwarten Abnahmemengen von bis zu zehntausend Metern, tausend sollten es aber bitte auf jeden Fall sein; das ist ein Vielfaches von dem, was die Berliner Designer benötigen, auch daran könnte eine Kollektion scheitern.

Für die schnelle Hilfe stapeln sich bei Common Works Plastikboxen mit kleineren Stoffmengen jedweder Qualität die Wände hoch: Jeansartiges, Fell, Trikot, Sommerstoffe, Winterware. Damit man ahnt, wie das Kleid mit dem Flauschbesatz fallen könnte. Damit man sich das Probemodell aus naturweißem Nessel – klassisch der erste Schritt, um den Schnitt zu präzisieren – auch in tannengrünem Samt vorstellen kann.

Von wegen schief und zufällig

Das graue Hemd, deren Einzelteile gerade am Tisch ausgeschnitten werden, ist für Sissi Goetze, die ihr Label 2011 gegründet hat, also – zusammen mit Hien Le, Perret Schaad und Malaika Raiss – zu einer neuen Generation von jungen Modemachern aus Berlin gehört. Zu einer, die als handwerklich anspruchsvoll gilt; mit dem Berliner Klischee von den Zufallsnähten und der schiefen Passform hat das nichts mehr zu tun.

Sissi Goetze hat mit ihrer Herrenbekleidung gewissermaßen die Jungsversion des klassischen Anzugs erschaffen, die Entwürfe wirken ein wenig wie aus ein Tati-Film, spielerisch, dabei aber klassisch. Alles daran, sagt Marte Hentschel, sei ganz genau konstruiert. „Da fällt nichts zufällig. Es hat etwas Humorvolles, aber es ist auch sehr technisch und sehr gerade. Das ist eine ausgefeilte Passform und Verarbeitung, es hat etwas sehr Korrektes.“ Mit Goetze arbeiten sie schon eine ganze Weile zusammen, das sei natürlich der Idealfall, so eine der Schneiderinnen. Weil man dann die Handschrift kennt – und dieselbe Sprache spricht.

Dem kann allerdings auch eine größere Dolmetscher-Arbeit vorausgegangen sein. Nicht jeder, der bei Common Works eine Musterkollektion angefertigt haben möchte, erscheint hier mit technischen Zeichnungen, die komplett mit Maßangaben versehen sind. „Wir erziehen sie uns nicht, wir lassen die Designer so arbeiten, wie sie arbeiten“, sagt Marte Hentschel. Manche zeichnen gar nicht und drapieren nur, die müssen dann eben die Schneiderpuppe unter den Arm klemmen. Manche kämen auch mit drei Kisten vorbei. „Und dann sitzt man auf dem Boden und sortiert das Chaos und versucht, da irgendwie Grund reinzubringen.“ Da dauert es dann eben etwas länger, bis aus einer Idee ein industriell reproduzierbares Modell geworden ist, so lässt sich der Auftrag, den sie sich selbst gegeben hat, zusammenfassen.

Sie hat ihre Firma 2009 gegründet, ihre Geschäftspartnerinnen sind eine Betriebswirtschaftlerin und eine Bekleidungstechnik-Ingenieurin. Marte Hentschel selbst hat Modedesign studiert, an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, danach arbeitete sie einige Jahre als Freelancerin. Bis sie irgendwann merkte: Im „Kollektionszirkus“ wollte sie eigentlich nicht länger mitspielen, schon gar nicht als Mutter von zwei Kindern. Und im Team sei es auch viel schöner – das Entwerfen von Mode bleibt nun einmal bis kurz vor Schluss klassisch eine einsame Angelegenheit.

Das perfekte Knopfloch

Die Musterkollektionen, die dann, ebenfalls in der Regie von Common Works, in Serie gehen, werden außer Haus gefertigt – bei Betrieben in Deutschland, Polen und der Türkei, von denen der größte Teil GOTS-zertifiziert ist, also die ökologischen und sozialen Auflagen des „Global Organic Textile Standard“ erfüllt. Das ist Hentschel wichtig; wie sonst könnte man auch glaubwürdig sein, wenn man Nachhaltigkeit predigt und die Qualität des Handwerks preist, in einem Bereich zumal, der zu den besonders mies bezahlten gehört? Keine störe sich daran, dass man in Kfz-Werkstätten bis zu 70 Euro die Stunde zahle, argumentiert sie – bei Schneidern sei den meisten schon ein Zehner zu viel. Mehr Demut vor dem Handwerk, jawohl, wäre durchaus angebracht.

Das notorisch preisbewusste Deutschland gilt nicht gerade als Heimat des teuren, hochgestochenen Schneiderhandwerks. In Frankreich werden sie sogar von Karl Lagerfeld hofiert, die „petites mains“, die kleinen Hände, die so geschickt mit Perlenstickereien und anderen vom Untergang bedrohten Feinarbeiten der Bekleidungsindustrie sind. In Italien klagen derzeit die Luxuskonzerne, dass niemand mehr Kaschmirstoffe anständig nähen könne. Die guten Handwerker gehen in Rente, der Nachwuchs will so etwas Mühsames und wenig Lukratives nicht lernen – und das in einem Land, das den andachtsvollen Umgang mit schöner Mode als eine seiner vornehmsten Traditionen betrachtet! Deutschland lässt sich mit Italien und Frankreich gewiss nicht vergleichen – nicht, was die Qualität des Handwerks angeht, nicht, was die Strahlkraft der Fashion Weeks betrifft.

Letzteres ist nicht zu ändern. Also widmet sich Marte Hentschel ihrer Liebe zum Handwerk, die auch eine Schwärmerei für technische Innovationen ist, für Ingenieursleistungen und die perfekte Knopflochmaschine. Und sie bleibt bei ihrer Vision von Berlin als Metropole nachhaltiger Mode. Dass die Stadt sich wohl nie zum ganz großen Mode-Wirtschaftsstandort entwickeln werde, sei traurig, aber nicht zu ändern, sagt sie und klingt dabei ziemlich vergnügt. Weil das eine großartige Chance für Innovationen und Avantgarde sei. Und eine Nische kann auch ein sehr schöner Platz sein.