"Größe ist zunächst einmal beeindruckend“, sagt Harald Geil. Größe schafft eben Aufmerksamkeit und darum geht es dem gebürtigen Bayern, der derzeit für sein fotografisches Projekt „Familiar Facades“ um Spendengelder wirbt. Der Name lässt sich wohl am besten mit „vertraute Fassaden“ übersetzen. Der Plan: Porträts von Asylbewerbern großflächig auf leere Fassaden kleben und mit einem QR-Code versehen, der auf ein Videointerview mit der abgebildeten Person verlinkt.

Eine Art Pranger

Große Porträtfotografien, mitten in der Stadt – das Konzept erinnert auf den ersten Blick an die Werke von Street-Art-Künstlern wie dem Franzosen JR oder den Berlinern Mentalgassi. Geil möchte dem Vergleich nur bedingt beipflichten. „Mein Schwerpunkt ist nicht, ästhetische Street Art zu machen. Vielmehr geht es darum, eine Brücke zu bauen zu Menschen, die ansonsten keine Stimme haben. Man könnte es auch als eine Art ständige Demonstration sehen. Und auch als eine Art Pranger.“

Die Videointerviews mit den Protagonisten werden von diesen selbst gestaltet. Harald Geil möchte von einer Kultur der Entblößung wegkommen, die die Interviewten zwingt, Sachen zu beschreiben, über die sie nicht reden wollen. Wenn seine Protagonisten Deutsch oder Englisch sprechen, führt er das Interview. Ansonsten lässt er auch andere Flüchtlinge die Gespräche mit ihren Landleuten führen. Er selbst beschränkt sich dann auf die Fotografie.

Bühne für Menschenrechte

Der 37-Jährige lebt seit sieben Jahren in Berlin, ursprünglich kommt er aus Pfaffenhofen, südlich von Ingolstadt. Er hat Steinmetz gelernt und arbeitet hauptsächlich als Schauspieler, bisher aber nur mit mäßigem Erfolg. In Kontakt mit Flüchtlingen ist er über den Verein „Bühne für Menschenrechte“ gekommen. Hier hat er seine ersten Protagonisten gefunden. Etwa den Syrer Firas al Shater. Der Schauspieler lebt seit einem halben Jahr als politischer Flüchtling in Berlin. In seiner Heimat wurde er gefoltert. Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, Geld von Saudi-Arabien und Al-Kaida zu bekommen. „Was machst du dann?“, fragt er im Video und gibt sich selbst die Antwort: „Ich habe ihnen gesagt: ‚Schreibt, was ihr wollt, ich unterzeichne es.‘ Länger als zehn Minuten hält man es nicht aus, wenn sie angefangen haben, dich zu foltern.“

Wenn Harald Geil darüber spricht, was ihn antreibt, nimmt er kaum Statistiken und Zahlen in den Mund. Stattdessen sagt er, er sehe sich als Humanist und wolle den Neoliberalismus in Frage stellen. Dass die QR-Codes Menschen ausschließen, die keine Smartphones haben und diese dementsprechend nicht einscannen können, ist ein Problem, das ihm bewusst ist: „Es ist eine Form der Ausgrenzung, deshalb ist die Überlegung da, ob man nicht auch die Internetadresse dazu schreibt, damit sich alle Leute informieren können. Andererseits leben wir in einer digitalisierten Gesellschaft und Kunst kann nicht immer jeden erreichen.“

Bilder in der ganzen Stadt

Die digitale Gesellschaft soll auch zur Finanzierung des Projekts beitragen. Deshalb hat der Fotograf eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um ein Startkapital von 5 000 Euro zusammenzukriegen. Weiteres Geld soll bei verschiedenen Kulturstiftungen beantragt werden. Das Geld soll in die Realisierung des Projekts fließen. Zwar arbeiten Geil und seine drei Mitstreiter ehrenamtlich, allerdings kostet die Produktion und Anbringung eines Porträts je nach Größe zwischen 500 und 2 500 Euro. Wenn das Geld zusammenkommt, sollen die Bilder in der ganzen Stadt aufgehängt werden. Zuerst in Kreuzberg wegen des Flüchtlingscamps am Oranienplatz, der vielen Touristen und der großen Bedeutung von Street Art. Dann aber will er weiter in die anderen Bezirke, etwa nach Marzahn-Hellersdorf, wo die Proteste gegen Flüchtlinge zuletzt sehr laut waren.

Damit steht der schwierigste Teil seines Projekts an. Er muss Unterstützer und Förderer vor allem in der Politik und unter Hausbesitzern finden. Die ihre Hauswände dafür zur Verfügung stellen, Behörden, die die notwendigen Genehmigungen erteilen. In Kreuzberg hat er schon mal angefragt, eine Antwort steht noch aus. Vor allem die Frage, inwieweit die Aktion als politisches Projekt einzuschätzen sei, sei problematisch für die Behörden, sagt Harald Geil. Es scheint, dass er etwas unbedarft an sein Projekt herangegangen ist. Er hat die lähmenden Mühlen der Behörden unterschätzt. Aufgeben will er aber nicht, egal was passiert. „Dafür habe ich jetzt schon zu viele Befürworter und Unterstützer.“

Die Kampagne im Internet:www.startnext.de/familiar-facades (bis 11. 2.).