Fast ein Crash: Aktien von Berliner Unternehmen im kollektiven Absturz

Wer vor einem Jahr in ein börsennotiertes Unternehmen aus der Hauptstadt investierte, hat danach mit großer Sicherheit viel Geld verloren.

Zalando ist eines der zwei Berliner Dax-Unternehmen.
Zalando ist eines der zwei Berliner Dax-Unternehmen.dpa/Arne Dedert

Das Verhältnis der Deutschen zu Aktien hat sich bekanntermaßen abgekühlt, seit die Nation im Sog der T-Aktie kollektiv dem Börsenfieber verfallen war, Internetfirmen grenzenloses Wachstum versprachen und die Blase letztlich platzte. Während heute etwa in Schweden jeder fünfte Bürger einen Teil seines Geldes in Unternehmensanteile gesteckt hat und sogar fast jeder dritte Niederländer Wertpapiere besitzt, investiert nur etwa jeder sechste Bundesbürger in Aktien. Von den Berlinern ist es sogar nur jeder neunte.

Als man 2021 beim Deutschen Aktieninstitut nachgezählt hatte, kam man in Deutschland auf 12,04 Millionen Aktionäre im Alter von mindestens 14 Jahren. Das war zwar der dritthöchste Stand seit knapp 25 Jahren. Dennoch gab es knapp 300.000 Aktionäre weniger als ein Jahr zuvor. Und es darf wohl unterstellt werden, dass sie ihren Abschied vom Börsengeschäft in den vergangenen zwölf Monaten nicht bereut haben. Denn das Jahr 2022 sollte für Aktienbesitzer ein verlustreiches werden.

Tatsächlich kam im zu Ende gehenden Jahr die große Ernüchterung. Nachdem die Aktienkurse seit der Finanzkrise mit dem Auftrieb beispiellos niedriger Zinsen quasi wie garantiert nach oben gingen, folgte mit Krieg, Inflation und hohen Energiepreisen die Gewinnvernichtung. Allein der Dax, der als bedeutendster deutscher Aktienindex die Wertentwicklung der 40 größten deutschen Unternehmen abbildet und 2021 noch um insgesamt 14,5 Prozent zulegte, fiel in den folgenden 365 Tagen um mehr als 11,6 Prozent.

Bei den kleineren Indizes M-, S- und TecDax ging es im Schnitt sogar um 27 Prozent nach unten. Und auch die 60 börsennotierten Unternehmen in Berlin blieben nicht verschont. Im Gegenteil: Während Berlin sich einerseits damit rühmen kann, dass seine Wirtschaft noch immer stärker wächst als die der Bundesrepublik, verloren die Wertpapiere der hauptstädtischen Aktiengesellschaften 36,9 Prozent.

Berliner Senat: „Wir machen uns unsere Dax-Unternehmen selbst“

Dabei hatte das Jahr 2022 durchaus hoffnungsvoll begonnen. Der Deutsche Aktienindex war als Konsequenz aus dem Wirecard-Desaster gerade reformiert worden. Da dabei auch gleich die Dominanz der „old economy“ im Dax gebrochen werden sollte, bekamen frühere Start-ups, die sich längst als Kern der neuen Berliner Digitalwirtschaft etabliert hatten, ihre Chance. Zunächst war der Lieferdienst Delivery Hero für Wirecard in den Dax gekommen. Dann stiegen  Hellofresh und der Online-Modehändler Zalando in Deutschlands erste Börsenliga auf.

„Wir machen uns unsere Dax-Unternehmen selbst“, hieß es seinerzeit siegessicher in der damals grün geführten Senatswirtschaftsverwaltung. Und wirklich hatten zusammen mit den bereits im Dax gelisteten Unternehmen Deutsche Wohnen und Siemens Energy plötzlich insgesamt fünf der größten deutschen börsennotierten Unternehmen ihren Sitz in Berlin. Das gab es noch nie.

Das Gasturbinenwerk in Moabit gehört zu Siemens Energy.
Das Gasturbinenwerk in Moabit gehört zu Siemens Energy.imago/Rainer Weisflog

Doch die Freude währte nicht lang. Schon bald mussten sich die Hoffnungsträger wegen dürftiger Performance und ausbleibender Profitabilität wieder aus dem Dax verabschieden. Einzig Siemens Energy und Zalando sind geblieben. Hatten fünf Dax-Unternehmen der Hauptstadt im Bundesranking noch den zweiten Platz nach München garantiert, so muss sich Berlin nun den vierten Platz mit Bonn, Hannover, Leverkusen und Essen teilen, wo ebenfalls je zwei Unternehmen der obersten Börsenliga zu Hause sind.

Aber immerhin zählt Berlin noch zu den Städten Deutschlands mit den meisten börsennotierten Unternehmen. In dieser Rangliste rangiert die Hauptstadt auf Platz zwei hinter München mit 96 Aktiengesellschaften. Auf den weiteren Rängen folgen Frankfurt am Main mit 40 und Hamburg mit 37 börsennotierten Firmen. Die 60 börsennotierten Unternehmen aus Berlin sind Onlinehändler und Immobilienfirmen, Klinikbetreiber und Software-Entwickler, Privatbanken, Medizintechnik-Hersteller und Filmproduktionsfirmen.

Beteiligten Kleinaktionären haben die Unternehmen 2022 tatsächlich kaum Freude bereitet, sondern ihnen nahezu ausnahmslos deutliche Kurzverluste beschert. Die Berliner Dax-Vertreter machten da keine Ausnahme. Die Aktie von Siemens Energy verlor über das Jahr 22 Prozent, die des eben noch gefeierten Corona-Gewinners Zalando sogar 52 Prozent.

Aber auch die Dax-Aussteiger waren nicht besser aufgestellt. Delivery Hero verlor 53 Prozent. Wer vor einem Jahr 100 Euro in den Kochboxen-Versender Hellofresh investierte, dem bleiben davon heute nur noch etwas mehr als 30 Euro übrig. Ein Verlust von 68 Prozent. In gleicher Größenordnung wurde Kapital bei einst gefeierten Start-up-Größen wie Mister Spex oder Auto1 vernichtet. Die vegane Lebensmittelmarke Veganz aus Friedrichshain war erst 2020 an die Börse gegangen. Heute kostet die Aktie 83 Euro weniger als vor einem Jahr. Dass das Online-Möbelkaufhaus Home24 nur 33 Prozent verlor, ist einzig der angekündigten Übernahme durch die österreichische Möbelhauskette XXXLutz zu verdanken.

Unter dem Strich sind die Gewinner unter den Berliner Aktiengesellschaften eine kleine Minderheit. Nur jedes zehnte Unternehmen erwies sich im zu Ende gehenden Jahr als ertragreiche Investition. An der Spitze der Gewinner  rangiert die Charlottenburger Filmproduktionsfirma Wild Bunch („Lieber Thomas“). Deren Aktie hatte sich bereits 2021 im Wert vervierfacht und gewann 2022 noch einmal 54 Prozent. Das Papier des Sensor-Herstellers First Sensor aus Oberschöneweide verteuerte sich im Krisenjahr um gut 31 Prozent. Und auch die auf Schönheitsoperationen spezialisierten M1-Kliniken aus Köpenick sind mit acht Prozent im Plus.