Auf Berliner Straßen wird gerne gerast. Und der Fuhrpark der Stadt wird immer schneller.   
Foto:  Paul Zinken/dpa

BerlinAuf Berlins Straßen ist es gefährlich. Seit vor drei Jahren ein unbeteiligter Autofahrer starb, weil sich zwei junge Männer ein nächtliches Rennen auf dem Kudamm lieferten, laufen bei der zuständigen Staatsanwalt etwa 1500 Verfahren wegen illegaler Autorennen oder Raserei. Dass die Waffen für die Asphalt-Duelle leicht zu bekommen sind, erklärte Andreas Winkelmann kürzlich in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung. Nach Erfahrung des Staatsanwalts, der in Berlin die Spezialabteilung 31 leitet, in der gegen Teilnehmer an Straßenrennen und sogenannte Alleinraser ermittelt wird, würden kleine Autovermieter Hochleistungskarossen für nicht einmal 200 Euro am Tag anbieten. Wenn Leute mit solch einem Auto „dann auf Gleichgesinnte treffen, dann endet die Fahrt oftmals in einem verbotenen Autorennen“, so Winkelmann in dem Interview.

Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, in dieser Stadt auf einen potenziellen Rivalen in der gleichen Leistungsklasse zu treffen, in den vergangenen Jahren gewachsen. Es sind in Berlin aktuell etwa 9000 Fahrzeuge der Marken Aston Martin, Bentley Ferrari und Porsche zugelassen. Allein im vorigen Jahr kamen inklusive Lamborghini etwa 200 Autos dieser Marken hinzu.

Allerdings ist längst kein reinrassiger Sportwagen mehr nötig, um gefährlich schnell unterwegs zu sein. Es ist eine irrationale Parallelwelt entstanden, die von Ingenieurs-Hundertschaften der Verbrenner-Liga mit Hochleistungsmaterial versorgt wird, obwohl außer in Deutschland nur noch auf der Isle of Man, Nepal, Afghanistan oder Nordkorea ohne Tempolimit auf Autobahnen gefahren werden darf. So hat der automobile Leistungswahn längst eine gefahrvolle Normalität erreicht, in der jedes bessere Familienauto 200 PS unter der Haube hat.

In den Datensätzen des Kraftfahrt-Bundesamts in Flensburg ist der ganz normale Wahnsinn penibel dokumentiert. War bereits vor zehn Jahren jeder fünfte in Berlin zugelassene Pkw technisch in der Lage, schneller als 200 km/h zu fahren, so war es vor fünf Jahren jeder vierte, inzwischen ist es fast jede dritte Karosse. Dabei geht es um insgesamt exakt 364.904 Autos mit B-Kennzeichen, deren Tachonadel über die 200-km/h-Marke gebracht werden kann – 76.000 Pkw mehr als 2014. Laut Kraftfahrt-Bundesamt gibt in der Stadt zudem 9639 Fahrzeuge, die auch die 250-km/h-Grenze hinter sich lassen können. Seit 2010 stieg der Bestand dieser Autos um 140 Prozent. 

Der Fuhrpark der Hauptstädter ist also potent bestückt. Etwa 16.500 Pkw haben Motoren mit Hubräumen von wenigstens vier Litern Hubraum und acht, zehn oder zwölf Zylindern. Damit ist Berlin allerdings keine Ausnahme. Auch bundesweit ist der Trend zu mehr Leistung ungebrochen. Hielten Autos mit mehr als 180 PS vor zehn Jahren noch einen Anteil von 6,3 Prozent, so hat sich dieser bis zum vorigen Jahr auf 13,9 Prozent mehr als verdoppelt.