Solche Gebete sind bis auf Weiteres nicht möglich.
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BerlinManch einen betrifft das Coronavirus ganz persönlich, auch ohne selbst erkrankt zu sein: Gökhan wollte Mitte April eigentlich in der Türkei heiraten. Doch wegen des Coronavirus fällt die Hochzeit nun aus und ob sie im August nachgeholt werden kann, scheint fraglich. „Aber zumindest bin ich gesund“, sagt Gökhan, Spätverkäufer im Wedding, und er lächelt.

Gökhan, in Deutschland geboren, aber türkischer Staatsbürger, ist einer von etwa 777.000 Ausländern in Berlin. Insgesamt sind es laut dem Statistischen Bericht der Stadt Berlin fast 1,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Ihr Leben ist in besonderer Weise vom Coronavirus betroffen. So kommt zum Beispiel der religiöse Alltag vieler Muslime zumindest öffentlich zum Erliegen.

Freitagsgebete fallen aus

Freitagsgebete, Hausbesuche von Seelsorgern, zahlreiche Bestattungen und Hochzeiten fallen unter die „Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus in Berlin“ – und somit aus. Auch das tägliche Fastenbrechen Iftar im Ramadan ab Donnerstag, dem 23. April, wird nicht-öffentlich abgehalten werden. Das bestätigte die Integrationsbeauftragte des Senats, Katarina Niewiedzial, der Berliner Zeitung.

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Der Berliner Senat hat erkannt, wie wichtig es ist, die vielen Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen. Ende März stellte die Stadt Informationen zum Virus in elf Sprachen als Plakat, Podcast und Internetratgeber zur Verfügung. „In einer Weltmetropole wie Berlin sind wir mit allen Berlinerinnen und Berlinern solidarisch, egal woher sie kommen und welche Sprache sie sprechen“, sagte die Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke).

Die Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial startete eine mehrsprachige Informationskampagne über soziale Medien. Dabei arbeitet sie mit ehrenamtlichen Sprachmittlern, die Informationen in einfache Sprache übersetzen. Diese Informationen werden auch in den Unterkünften für Geflüchtete verteilt.

Probleme mit der Kontaktsperre

Doch was bedeutet das Virus überhaupt für Migranten? Schafft es die Berliner Politik, sie zu erreichen? „Nur bedingt“, sagt Hamid Yildiz. Er arbeitet als Bereitschaftspolizist in Berlin und heißt eigentlich anders, will seinen echten Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Als Polizist gehört er zu den „systemrelevanten Berufen“. Für ihn geht die Arbeit also weiter – und das nicht selten mit Körperkontakt. Yildiz, selbst mit türkischen Wurzeln, sagt, dass es viele junge Migranten gebe, die Probleme hätten, die Quarantäne einzuhalten.

„Wenn du größere Menschengruppen auf der Straße siehst, dann sind es fast immer deutsche Hipster – oder junge arabische, türkische oder afrikanische Männer.“ Viele der Migranten offenbarten ein falsches Verständnis von Männlichkeit. „Die sind durchaus informiert über das Coronavirus, aber fühlen sich oftmals mutig und unangreifbar.“

Polizei und Imam kooperieren

Skurrile Szenen spielten sich Anfang April in der Neuköllner Begegnungsstätte (NBS) auf der Gerichtstraße ab: Mehr als 300 Gläubige hatten sich vor der Moschee zum Freitagsgebet versammelt – trotz Kontaktsperre. Die Moschee hatte zuvor aufgerufen, den „Gebetsruf als Zeichen des Zusammenhalts in Zeiten von Corona“ parallel zum Glockenläuten der christlichen Nazareth–Gemeinde abzuhalten. Obwohl die Gemeinde auf Facebook darum bat, „sich während des Gebetsrufes NICHT vor der Moschee zu versammeln“, fanden sich Menschentrauben von Gläubigen ein. Die Polizei schritt ein, es kam zu Tumulten, das Gebet wurde im Einvernehmen mit dem Imam vorzeitig beendet.

Die meisten Moscheen halten sich jedoch an die Auflagen. Das Virus hat für die Gemeinden, die anders als Kirchen nicht vom öffentlichen Steuergeld getragen werden, besonders harte Konsequenzen. Der Vorsitzende der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Neukölln, Yakup Ayar, nennt die aktuelle Situation eine „Tragödie“. Auf der Facebook-Seite der Glaubensstätte wird in einer „schwierigen Zeit“ um Spenden geworben, um die laufenden Kosten begleichen zu können.

Religionsunterricht im Netz

Die Krise führt auch dazu, dass Berliner Muslime digitaler werden und umdisponieren: Der Islamrat hat etwa ein Seelsorgertelefon eingerichtet. „Menschen, die sich unterhalten möchten, jemanden brauchen und niemanden finden – gerade jetzt können sie sich bei uns melden“, sagt der Vorsitzende des Islamrats, Burhan Kesici. Auf der eigenen Homepage hat das Gremium digitale Materialien für den islamischen Religionsunterricht hochgeladen. Neben Homeoffice etabliert sich also mancherorts auch Home-Religion.

„Für unsere Klienten stellt die Corona-Krise eine massive Veränderung dar. Viele verstehen nicht, was hier gerade passiert und haben Tausende Fragen“, sagt Anna Hanf, die als Projektleiterin für den Verein Phinove mit Zugewanderten vor allem aus Bulgarien und Rumänien arbeitet. Von den zwölf Familien, die sie betreut, sprechen die meisten kein Deutsch, zumindest nicht fließend, wie sie sagt. Viele kämen zudem aus bildungsfernen Haushalten. Das führe zu großen Informationslücken. Erst kürzlich habe sie mit einem Bulgaren telefoniert, der an Panikattacken litt. „Was passiert hier? Wann geht das wieder vorbei?“, habe der Mann immer wieder gefragt.

Ganz vorne in Pflege und Medizin

Das Virus verändert auch den Alltag des Vereins Phinove. „Dabei merken wir: Viele Ämter oder Beratungsstellen sind für unsere Klienten schlicht nicht erreichbar“, sagt Anna Hanf. Sie wünscht sich, dass Behörden in Zukunft verstärkt darauf achten würden, Informationen in der Sprache von Einwanderergruppen bereitzustellen. Zu sprachlichen Barrieren und Informationsdefiziten kommen laut Hanf wirtschaftliche Nöte ihrer Klienten hinzu. „Viele der Menschen bei uns arbeiten im Niedriglohnsektor und machen sich jetzt langfristig Sorgen, wie ihre wirtschaftliche Zukunft aussehen wird.“

Dass auch Verschwörungstheorien in der Corona-Krise Zulauf bekommen, weiß der Medizinsoziologe Ramazan Salman, der vor 29 Jahren das Ethno-Medizinische Zentrum in Hannover gegründet hat, eine Art medizinischer Anlaufstelle für Migranten. „Viele dieser Menschen schauen nicht die Pressekonferenzen des Robert Koch-Instituts oder die Ansprache der Bundeskanzlerin, sitzen dafür im Internet immer wieder Falschinformationen auf“, sagt er. Doch gleichzeitig brauche es Differenzierung: Der Großteil der Migranten, die er kenne, sei korrekt informiert. „Zudem gibt es so viele ausländische Kräfte, die jetzt stundenlang in der Pflege oder Medizin arbeiten – und an vorderster Front gegen das Virus kämpfen.“

Soziologe: „Das ist auch eine psychosoziale Krise!“

Salman sagt, das Coronavirus sei für Migranten nicht nur eine gesundheitliche, sondern auch eine psychosoziale Krise. Wenn die Familien getrennt werden, alte Menschen versterben und Quarantänebedingungen gelten, treffe das viele Menschen bis ins Mark. Auch warnt er vor medizinischer Verwahrlosung der Ärmsten der Armen, vor allem der Obdachlosen. „Wer kümmert sich um diese Menschen, die ohnehin schon völlig abgeschnitten sind von gesundheitlicher Versorgung und im Falle einer Erkrankung sowohl einen Gefahrenherd darstellen als auch unter Lebensgefahr stehen?“

Das sieht auch Projektleiterin Anna Hanf so, die sich um Wohnungslose beim Verein Phinove kümmert. Sie befürchtet, dass das Virus populistisch ausgeschlachtet und instrumentalisiert werden könnte. Sie sagt: „Geflüchtete, Einwanderer aus dem Balkan, Sinti und Roma – das sind oftmals vulnerable Gruppen, die nicht als Sündenböcke für eine Pandemie taugen.“