FDP-Fraktionschef Czaja zu Tegel: „Wir brauchen ein umfassendes Lärmschutz-Gutachten“

Die rot-rot-grüne Koalition spricht sich dafür aus, den Flughafen Tegel wie geplant ein halbes Jahr nach Eröffnung des BER zu schließen. Die FDP will den Airport offen halten. Sie schaffte es mit 204.000 Stimmen, ein entsprechendes Volksbegehren durchzusetzen, über das die Berliner am 24. September parallel zur Bundestagswahl abstimmen. Ein Interview mit Fraktionschef Sebastian Czaja.

Man hat den Eindruck, dass der Senat nicht ernsthaft für die Schließung von Tegel kämpft, oder?

Das kann uns nur recht sein. Berlin kann es sich nicht leisten, auf TXL zu verzichten.

Es macht weiter den Eindruck, dass die CDU auf Offenhaltung Tegels umschwenkt. Was unterscheidet FDP und CDU?

Die CDU taktiert ängstlich, ohne klaren Kurs. Bei der FDP sind alle in Berlin, Brandenburg und im Bund für den Weiterbetrieb. Bei der CDU ist zumindest klar, dass Reinickendorfs Bürgermeister dagegen ist.

Einer Ihrer Fraktionskollegen berief sich auf einen SPD-Staatssekretär, dass es nicht eine Milliarde, sondern nur 150 Millionen Euro koste, Tegel für den Weiterbetrieb flott zu machen. Der Staatssekretär sagte aber: Die Summe ist bereits für ein einziges Terminal fällig. Trickst die FDP?

Wir tricksen nicht, fordern sogar mehr Transparenz in der Debatte. Zahlen und Fakten, mit denen wir argumentieren, stammen überwiegend vom Senat. Die mussten wir durch unzählige Anfragen und Recherchen zusammentragen. Eine To-Do-Liste für einen dauerhaften TXL-Weiterbetrieb arbeitete der Wissenschaftliche Parlamentsdienst bereits 2013 hervorragend heraus. Allein zu sagen, das geht nicht und kostet Milliarden, ist entweder Unwissen oder bewusste Täuschung.

Die Koalition rechnet mit 400 Millionen Euro für den Lärmschutz der Anwohner, der beim Weiterbetrieb nötig werde, Sie mit 109 Millionen.

Das ist eine Zahl des Ökoinstituts von 2005, die sogar bewusst höher angesetzt wurde. Fakt ist: Wir brauchen ein umfassendes Lärmschutz-Gutachten für qualifizierte Aussagen, das auch die Emissionswerte von Flugzeugen berücksichtigt.

Glauben Sie, dass man mit 109 Millionen Euro auskommt? Am BER rechnet man inzwischen mit weit über 700 Millionen für Lärmschutz.

Das Gutachten unabhängiger Experten für das Umweltministerium ist für mich glaubwürdiger als die bisherigen Zahlenszenarien des Senats. Durch das damalige Berliner Fluglärmgesetz wurden rund um Tegel weitreichende Schutzmaßnahmen verbaut, die es heute in diesem Umfang nicht mehr gäbe.

Ein Argument für die Schließung ist die Nachnutzung als High-Tech-Gewerbegebiet und 9000 Wohnungen.

Die Wohnungen hätte man schon längst auf der Pankower Elisabethaue bauen können. Doch Rot-Rot-Grün verfeuert lieber Millionen für Gutachten, um dann seine Wohnungsbau-Ziele nach unten zu korrigieren. Was die „Urban Tech Republic“ angeht: Bislang gibt es als Ankermieter nur Beuth-Hochschule und Feuerwehr-Akademie.

Wenn es mit dem Lärm rund um Tegel nicht so schlimm ist, wie Sie sagen: Würden Sie in eine Wohnung am Kurt-Schumacher-Platz ziehen?

Reinickendorf ist ein toller Bezirk. Warum nicht.