FDP-Kantine Dehöers: Lunch bei den Liberalen - politisch unkorrekt, aber lecker

Berlin - Die FDP braucht jetzt Unterstützung, dachte ich mir, in der Sonntagsfrage liegt sie unter drei Prozent. Am Thomas-Dehler-Haus in der Reinhardtstraße hängt ein großes gelbes Schild über dem Eingang: „FDP – mit mach zentrum“. Eine verzweifelte Aufforderung. Ich laufe immer vorbei, obwohl mein Herz für Verlierer schlägt, sogar für Verlierer, die ich nie wählen würde. Heute aber werde ich ins Dehlers gehen, das Restaurant im überdachten Innenhof der FDP-Parteizentrale in Mitte.

Im Netz wirbt es mit einem öffentlichen Businesslunch, diesmal Kartoffeln mit Quark oder Viktoriabarschfilet auf Gemüsebeet mit Senfsoße. Der Glasbau des Dehlers ist 320 Quadratmeter groß und hat 200 Sitzplätze. Woanders lese ich: Das ist die Zahl der Mitglieder, die der Berliner FDP 2011 davonliefen. Jetzt sind es noch 3000. Es wird eng. Aber nicht im Dehlers. Von den vielen Tischen sind zur Mittagszeit nur wenige besetzt, meist mit Mitarbeitern, man merkt das an den Plastikkarten, die von ihrem Hals baumeln. Bekannte Gesichter sehe ich nicht, vielleicht erkenne ich sie auch nicht, weil das Personal in letzter Zeit häufig wechselt.

Hier darf man rauchen

Dafür fallen mir die Tischdecken auf, sie sind grün, nicht gelb. Vermutlich soll das hoffnungsvoll stimmen, wie die Magnumflasche Moët&Chandon, die ungeöffnet hinter dem Tresen steht.

Die Stimmung ist auch ausgesprochen gut. An zwei länglichen Tischen wird viel gelacht und – geraucht. Das finde ich sehr liberal: Bei der FDP darf man rauchen, im Restaurant. Die FDP hat als Marke ja verschissen, sage aber nicht ich, sagt Wolfgang Kubicki, der die Wahl in Schleswig-Holstein für die FDP gewinnen will. Rainer Brüderle, der heimliche Parteivorsitzende, schlägt vor, sich auf die „Brot- und Butterthemen“ zu besinnen. Ich finde das richtig. Auch mir hilft Essen, wenn ich in einer Krise bin. Konsequenterweise hat sich die FDP statt des dürren Christian Lindners nun ein echtes Schwergewicht geholt: Patrick Döring heißt der nicht mehr ganz so neue Generalsekretär. Die Frage nach seinen Hobbys beantwortet er so: „Essen und Kochen“. Nicht unsympathisch.

Die Baguettescheiben und die Butter, die mir im Dehlers gebracht werden, sind nicht der Rede wert. Dafür aber das Viktoriabarschfilet auf Gemüsebeet, es ist für eine Kantine – und als solche muss man das Dehlers sehen – ausgesprochen gut. Die kleingewürfelten Karotten, Kartoffeln, der Sellerie und der Lauch haben viel Eigengeschmack, sind bissfest und leicht buttrig. Die gelbe Senfsoße darüber ist nur farblich so blass wie die FDP, hat aber eine gute Schärfe, was vom Dijonsenf und ein wenig Weinessig herrührt. Obenauf liegt sorgfältig entgrätet das weiße Fischfilet, eine großzügige Portion.

Zwiespältiger Fischgenuss

Bei der Zubereitung des Viktoriabarsches, der von Natur aus eher wässrig ist, wurde auch alles richtig gemacht – nur dass man den Fisch eigentlich nicht kaufen sollte. Die Fischfilets werden tonnenweise aus Tansania nach Europa exportiert. Dafür sind in Afrikas größtem Binnensee nahezu alle heimischen Fischarten ausgerottet worden, und riesige Berge aus Fischabfällen verschmutzen die Umwelt. Ich empfehle dazu den Dokumentarfilm „Darwins Alptraum“.

Die nachhaltige Fischerei des Viktoriabarsches nach ökologischen und sozialen Richtlinien – vielleicht wäre das auch noch ein Thema für die FDP. Dann fällt mir ein, dass ihnen dafür die Klientel wohl zu fern ist.

Ich bin bei der Nachspeise, ein sehr leckerer Limetten-Quarkschaum mit frischen Erdbeeren. Besser: Die Partei der gewissenlosen Genießer, warum nicht einfach dazu stehen?