Die Fassade des Berliner Schlosses.
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BerlinEine der bemerkenswertesten deutschen Architekturdebatten der vergangenen drei Jahrzehnte wurde über den Nachbau des Berliner Schlosses geführt. Allerdings war es bis weit über 2010 hinaus ein Streit fast nur um das Äußerliche, Stadtdekorative, eben die Fassaden. Das eigentlich Architektonische, der Zusammenklang von städtebaulicher Gestalt, sozialen und kulturellen Funktionen, Grundrissen, Konstruktionen, Materialwahl oder Farben fiel hinten über. Dabei war es erst die funktionale Idee, hinter den Schlossfassaden das Kultur-, Museums- und Ausstellungszentrum Humboldt-Forum einzurichten, die die Vorstellung eines Fassadennachbaus des Hohenzollernschlosses politisch erträglich machte.

Der Abriss des Palastes der Republik 2006 bis 2008 war eine durch und durch politische Aktion: Die neue Bundesrepublik befreite sich so radikal vom architektonischen Hauptzeugen der DDR. Stattdessen wird nun Preußen als Vorbild beschworen. Allerdings nicht Preußen an und für sich! Nachgebaut wurden nur die Fassaden jenes barocken Königsstaates, der vor allem über kulturelle Mittel versucht hatte, mit den glänzenden Höfen in Paris, London, Wien, Dresden, Warschau und St. Petersburg zu konkurrieren. Das militaristische Preußen und das imperialistische Kaiserreich dagegen sind in diesem Fassadennachbau historisch regelrecht weggeblendet worden.

Die stark diese Ideal-Konstruktion inzwischen die reale Geschichte überlagert, zeigte sich an der Debatte um das Kreuz, das auf der Schlosskuppel wieder errichtet wird. Einst wurde es von Friedrich Wilhelm IV. als Triumphzeichen über die demokratischen Revolutionäre von 1848 gestiftet. Dies Kreuz wird nun nachgebaut, uminterpretiert zum Zeichen christlicher Liebe und als Teil der äußerlich korrekten Nachbaus des Schlosses. Kritisches Geschichtsbewusstsein sieht anders aus.

Doch das war hier an der Stelle genuiner Staatsrepräsentation seit dem Bau der Hohenzollernburg 1442 nie gewünscht. Sonst stünde das Schloss noch, wäre der Palastrohbau nicht abgerissen worden, würde jetzt wenigstens die „Glasblume“ im Foyer des Humboldt-Forums aufgestellt oder daran erinnert werden, dass das originale barocke Schloss einst auch aus den Erträgen des brandenburgisch-preußischen Sklavenhandels finanziert wurde.