Feiern über 30? Warum es in Berlin einen Tick aufregender ist als in Wien

Nach dem Radsport tanzt unsere Autorin in einer Radlerhose mit Gelpolstern zwischen den Beinen auf dem Maria-Theresien-Platz. Und wundert sich.

Unsere Kolumnistin Eva Biringer
Unsere Kolumnistin Eva BiringerFlorian Reimann

Fernab von Berlin bin ich zur Tagesausflüglerin geworden. Bei gutem Wetter suche ich mir samstagmorgens einen Stadtwanderweg raus – zwölf Routen in oder um Wien, bequem mit den Öffis zu erreichen – oder eine Komoot-Radtour und denke: Früher wäre ich tanzen gegangen. Dann erinnere ich mich an den Satz „Tanzen ist auch Sport“, der auf Dancefloors gerne in Form von mit aufblasbaren Flamingos geschmückten Schildern auftaucht, und sage mir, dass Älterwerden auch seine Vorzüge hat.

An diesem Spätsommertag stand der Kahlenberg auf dem Programm, eine für Berliner Verhältnisse megalomane Erhebung (484 Meter) am Rand des Wienerwalds, den viele hauptsächlich wegen der idyllisch zwischen Weinreben gelegenen Heurigen besuchen.

Wie eine Irre keuchte ich mit einem Panoramabarset im Ohr die Steigung hinauf, schnorrte mir von amerikanischen Touristinnen eine Packung Taschentücher, bretterte die Höhenstraße entlang und dachte über die Vorzüge des nüchternen Auspowerns nach. Am späten Nachmittag war ich zurück in der Stadt, drehte eine letzte Runde über die Ringstraße – „going the extra mile“, wie Sheryl Sandberg sagen würde –, als ich kurz hinter dem Burgtheater ein Wummern hörte.

In Wien bewacht die Polizei den Rave, in Berlin hat sie dafür keine Zeit

Kaum zu glauben, aber mitten auf dem Maria-Theresien-Platz, eingerahmt vom Kunsthistorischen und Naturhistorischen Museum, fand ein Rave statt. Dass es dabei mit rechten Dingen zuging, verrieten die wenige Meter entfernt geparkten Polizeiwagen. In Berlin hat die Polizei für so etwas keinerlei Kapazität.

Unter einem provisorischen Plastikpavillon standen zwei Typen, kaum älter als 30, und drehten an einem Mischpult rum. Die Musik war gut, aber niemand tanzte. Was fürs Gehen sprach: Ich war gefühlt die Einzige über 30 und trug eine Radlerhose mit Gelpolster zwischen den Beinen. Was fürs Bleiben sprach: Die wenigen Feiermöglichkeiten in meiner Wahlheimat muss man beim Schopfe packen. Erst wenige Wochen zuvor entdeckten meine Freundin J. und ich nämlich ebenfalls durch Zufall ein Mini-Open-Air am Donaukanal, das exakt in dem Moment vorbei war, als wir uns mit Tanzabsicht darauf zubewegten.

Die Würfel waren gefallen: Beim einzigen Spar, der in Wien samstags länger als 18 Uhr geöffnet hat, kaufte ich mir ein alkoholfreies Bier und stellte mich zur Feiercrowd. Im festen Glauben daran, dass Radlerhosen eh gerade Trend waren, tanzte ich mir die Restenergie aus den Beinen. Mit der Dämmerung kamen mehr und mehr Ottakringer-Dosen-Kids mit seltsamen dreieckigen Sonnenbrillen auf der Nase, die wohl auf den Nullerjahre-Trend zurückzuführen waren. Da, eine Frau über 30 mit Oberschenkel-Tattoo! Ein Typ neben mir, der sich als libanesischer Anwalt vorstellte, fragte, ob ich gerade vom Joggen komme, woraufhin ich antwortete: „Nein, vom Biken.“

Berliner Rave-Teilnehmer bauen Landebahnen aus illegalen Substanzen

Dann gab es einen DJ-Wechsel. Während der Techno in für so eine improvisierte Soundanlage beeindruckender Lautstärke hämmerte, blickte ich staunend zur Maria-Theresien-Statue hinauf und versuchte mir dieses Setting in Berlin vorzustellen: unmöglich. Der Anwalt wollte mit mir über seine Gabriel-García-Márquez-Vorliebe sprechen, viel interessanter fand ich jedoch den „blunznfetten“ Wiener-Linien-Mitarbeiter, der mit einer Rumflasche in der Hand in den Pavillon fiel. „Blunznfett“ meint im Wiener Dialekt stark alkoholisiert.

Abgesehen davon ging es wahnsinnig zivilisiert zu, kein Vergleich zu den Raves in Berlin, dessen eskalationsentschlossene Teilnehmer auf der Tanzfläche Landebahnen aus illegalen Substanzen bauen: Keta noch was? Ich glaube nicht, dass hier etwas anderes konsumiert wurde als Joints.

Gegen 20 Uhr ergriff ein Immer-kurz-vorm-Sitzstreik-Typ das Mikrofon, um zu verkünden, dass es sich bei dieser Veranstaltung um einen „Klimarave“ handelte. Abgesehen davon, dass der DJ-Pavillon aus Plastik war, hatte man sich über vieles Gedanken gemacht, bis hin zu den Müllsäcken für die leeren Ottakringer-Dosen. Maria Theresia hätte ihre Freude gehabt an so viel Habsburgertugend. Es folgte die Info, dass, da es sich schließlich um eine netterweise genehmigte Veranstaltung handelte, um 22 Uhr Schluss sei, danke für die Aufmerksamkeit. Sogleich rumste wieder der Bass.

Ein umweltaktivistisch gestimmter Freund von mir empfahl neulich, vier Stunden pro Woche in den Klimaschutz zu investieren. Mit Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass ich mein Soll soeben erreicht hatte. Keine Ahnung, wo die anderen nach 22 Uhr hingingen – die Grelle Forelle, hieß es, könne wieder was –, ich jedenfalls ging nach Hause, weil das Gelpolster zwischen den Beinen nervte und es in Wien mit dem Feiern über 30 doch eher schwierig ist.