Berlin - Berlin hat so wenige Feiertage wie kein anderes Bundesland. Das soll sich bald ändern: Die rot-rot-grüne Regierungskoalition möchte einen zehnten Feiertag einführen. Uneinigkeit herrscht allerdings seit Monaten über die Frage: Welcher soll es werden? Und sollen die Berliner abstimmen dürfen? Wenn ja, über welche Optionen?

Feiertag für Gleichberechtigung und Rechte der Frau

Die SPD spricht sich für den 8. März, den Internationalen Frauentag, aus. Der Fraktionsvorsitzende der Partei Raed Saleh sagte schon im August, dieser Tag könne ein Signal an alle Menschen im Land sein, dass gleiche Rechte für Frauen unverhandelbar seien. „Das wäre auch an die moderne Einwanderungsgesellschaft ein Statement. Gleiche Rechte für Frauen sind Teil der deutschen Leitkultur.“

Der Vorschlag scheint gute Chancen zu haben, auch wenn die beiden anderen Koalitionspartner noch überzeugt werden müssen. Die Grünen sind dem Vorschlag nicht abgeneigt, der Diskussionsprozess sei aber noch im Gange. Diese Tage sind außerdem im Rennen:

Die Berliner Linke gibt den 8. Mai als ihren „ersten Wunsch“ an. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland vor den Alliierten, der Zweite Weltkrieg war beendet. Zum 75-jährigen Jubiläum 2020 will die Koalition den Tag sowieso schon zum einmaligen Feiertag machen.

Ein Tag der Befreiung für Berlin

Die junge Bundesrepublik hatte lange ein kompliziertes Verhältnis zu diesem Tag: Einerseits markiert er das Ende der Nazi-Diktatur, verantwortlich für zuvor unvorstellbare Verbrechen gegen die Menschlichkeit und für den gewaltsamen Tod von Millionen in Europa. Andererseits stieß trotz dieser Schuld vielen Deutschen der Gedanke sauer auf, einen Tag zu feiern, der auch für viel eigenes Leid steht: zerbombte Städte, unzählige Kriegstote und -versehrte, Vertreibungen, Vergewaltigungen.

Die Interpretationshoheit über den 8. Mai erlangte 1985 Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der in seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag die Leiden der Deutschen zwar anerkannte, aber auch auf die Verantwortung pochte, die die Bundesrepublik durch ihre Schuld zu tragen hat: „Was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft." Und: „Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen." 

Ein weiterer Vorschlag, der mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zusammenhängt, ist der 27. Januar, der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Truppen.

Anlass zum Gedenken gäbe auch ein Feiertag am 17. Juni: An diesem Tag im Jahr 1953 schlug die sowjetische Armee einen antistalinistischen Volksaufstand in Berlin blutig nieder.

Europa feiern in Berlin

Auch der 9. Mai, der Europatag, ist als Feiertag im Gespräch: Am 9. Mai 1950 schlug der französische Außenminister Robert Schuman in einer Rede in Paris die Gründung einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft vor. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, genannt „Montanunion“, war die erste Gestalt der heutigen EU.

Die evangelische Kirche wünscht sich den Reformationstag am 31. Oktober als dauerhaften Feiertag. Er wäre eine naheliegende Wahl, weil er bereits in allen ostdeutschen Bundesländern außer Berlin ein Feiertag ist, und seit diesem Jahr außerdem in Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Laut Überlieferung schlug Martin Luther an diesem Tag im Jahr 1517 seine 95 Thesen zu Ablass und Buße an die Schlosskirche in Wittenberg. In Berlin war der 31. Oktober bereits 2017 Feiertag, allerdings vorerst nur einmalig, zum 500. Jubiläum der Reformation.

Der Schicksalstag 9. November

Auch ein Feiertag zu Ehren eines Ereignisses aus dem vorletzten Jahrhundert wäre denkbar: Der Regierende Bürgermeister Michael Müller hatte Mitte des Jahres noch verlauten lassen, er könne sich den 18. März als Feiertag vorstellen, als Erinnerung an die niedergeschlagene Märzrevolution 1848, in der bürgerliche Kräfte in Deutschland für einen einheitlichen, demokratischen Nationalstaat kämpften.

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Antje Kapek nannte neben dem 8. März und dem 18. März als Feiertagskandidaten auch noch den 9. November – ein echter deutscher Schicksalstag. An diesem Tag fiel 1989 die Berliner Mauer, was zur Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands führte. 1918, gleicher Tag, Novemberrevolution: Der damalige Reichskanzler Max von Baden verkündete die Abdankung Kaiser Wilhelms II. und Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht riefen die Gründung zweier unterschiedlicher Republiken aus. Und 1938 versetzten die Nationalsozialisten am 9. November jüdische Deutsche mit der Reichspogromnacht in Angst und Schrecken: Synagogen, Geschäfte und Wohnhäuser wurden zerstört oder in Brand gesetzt, Menschen angegriffen, verhaftet und ermordet. Die Reichspogromnacht markiert den Beginn der Zeit, in der Deutschland mit der Shoah eines der größten Verbrechen der Menschheit beging.