Feiertagseinsamkeit in Berlin: Die Schwaben sind alle noch in Schwaben

Zwischen Weihnachten und Silvester zeigt sich Berlin von seiner besten Seite, nämlich menschenleer. Warum das so erholsam ist.

Hallo, jemand da? Zum Glück nicht! So erholsam wie die paar Tage zwischen den Jahren ist Berlin sonst nie.
Hallo, jemand da? Zum Glück nicht! So erholsam wie die paar Tage zwischen den Jahren ist Berlin sonst nie.imago images

Aufgewachsen bin ich in Stuttgart, sozialisiert hat mich aber der Ruhrpott. Und das so richtig, denn wenn das Ruhrgebiet in den 80er-Jahren eines nicht war, dann eine idyllische Gegend. Rau trifft es eher. Ich jobbte nach dem Abitur und während meines Studiums in einem Duisburger Stadtteil namens Hochfeld.

Hochfeld war von der Schwerindustrie geprägt und wurde vom Land Nordrhein-Westfalen zu Beginn des Jahrtausends in ein Förderprogramm mit der euphemistischen Bezeichnung „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“ aufgenommen. Gegen Duisburg-Hochfeld in den 80ern nimmt sich Berlin-Neukölln aus wie ein Naherholungsgebiet, hat aber Ähnlichkeiten, sieht man einmal vom Richardplatz ab.

Die Folgen von zu viel gutem Essen

Der Richardplatz ist einer meiner Lieblingsorte in dieser Stadt, in der ich seit bald 25 Jahren lebe und die mir mittlerweile oft auf die Nerven geht, weil sie bestimmte Dinge einfach nicht hinbekommt. So weiß ich jetzt schon, wo an Silvester geböllert werden wird: Sonnenallee, Sozialpalast, Stadtrand und so weiter.

Die Schlagzeilen werden lauten wie vor Corona: Polizeieinsätze, weggesprengte Finger, Knalltraumata, Notaufnahmen am Rande der Belastungsgrenze. Die meisten meiner Freunde verlassen Berlin in der Zeit zwischen den Jahren, wie es so schön heißt. Entweder wird der Weihnachtsurlaub bis ins neue Jahr hinein verlängert, oder spätestens am 30. Dezember werden hektisch die Taschen gepackt. „Ich bin doch nicht bescheuert“, lautete die mit mehreren Ausrufezeichen gesprochene Antwort einer meiner Freundinnen auf die Frage, ob sie denn den Jahreswechsel in Berlin verbringe.

Ich hingegen bleibe Silvester in Berlin. Ich habe auch Weihnachten hier verbracht und die Tage bis Silvester sind für mich die angenehmsten des Jahres. Die Stadt ist dann wie ausgestorben. Am zweiten Weihnachtsfeiertag spazierte ich durch meinen Kiez, morgens um neun. Ich sah: volle Mülltonnen, aus denen Geschenkpapier hing, ein paar Krähen und nach einer Viertelstunde einen Mann, der joggend gegen die Folgen von zu viel gutem Essen an den Feiertagen kämpfte.

Ich genieße diese Zeit und fühle mich dann wie der Held des Romans „Die Arbeit der Nacht“ des österreichischen Schriftstellers Thomas Glavinic, der wie Marlen Haushofer und Herbert Rosendorfer eine Welt beschreibt, in der er ganz alleine ist. Für ein paar Stunden immerhin ist das ein ganz wunderbares Gefühl. Wohl jeder Mensch, der länger in einer Stadt wie Berlin lebt, kann nachvollziehen, wie schnell die Batterie wieder auflädt, sobald man mal eine Pause von seinen Mitmenschen machen kann.

Am Dienstag dann nach drei freien Tagen wieder der Weg zur Arbeit. Nur ein Wort: paradiesisch. Kaum Autoverkehr und keine anderen Nervensägen, die meinen Radweg störten. Ich drehte eine Extrarunde übers Tempelhofer Feld in der Morgensonne. Auch da wunderbare Einsamkeit, ein paar Jogger, zwei Frauen mit Hund und ein älterer Herr in eng anliegender Funktionskleidung, der sein überteuertes Rad malträtierte. So kann es bitte alles bleiben bis Sonntag. Dann freue ich mich auch wieder auf die anderen Leute. Vorher nicht.