In den öffentlichen Verkehrsmitteln Berlins erleben Passagiere allehand.
Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

BerlinWenn Sie regelmäßig diese Kolumne lesen, dann wissen Sie, dass ich Busse und Bahnen in der Stadt nicht mag. Sie sind überfüllt, riechen übel und bieten wenig Service. Egal. Vor einigen Tagen musste es aber eine Fahrt mit einem gelben Bus sein. Der Taxifahrer meines Vertrauens war im Urlaub.

Die Fahrt ging vom Bötzowkiez bis zum Alex. Vier Stationen. Der Bus der Linie 200 kam nicht pünktlich. Ich habe es gewusst. Der Sitz, der für Menschen mit Behinderungen vorgesehen ist, war besetzt. Ein Mann saß darauf. Er hatte einen Krückstock dabei und trug orthopädische Schuhe. Das sah man an den unterschiedlich dicken Sohlen.

Der Sitz befindet sich schräg hinter dem Fahrer und ist wegen seiner Sicht voraus auch bei gesunden Menschen sehr beliebt. Alles schien, als würde es eine ruhige Fahrt werden an jenem Tag. Wurde es aber nicht. An der Haltestelle Königstor am Märchenbrunnen war es mit der Ruhe vorbei. Dort stieg eine ältere Frau ein. Sie baute sich neben dem Mann auf, holte tief Luft und erklärte ihm auf eindringliche Weise, dass sie Anspruch auf den Sitzplatz hat. Sie forderte ihn auf aufzustehen. Es schien, als hätte sie Erfahrung mit solchen Räumungsaktionen. Sie blickte entschlossen und wurde aggressiv. Sie war sichtlich bereit, ihren Anspruch durchzusetzen. Ich saß auf der anderen Seite des Ganges und hörte das Gespräch zwangsläufig mit. Laut genug war es. Die Frau nervte.

Das Gedächtnisprotokoll des Gesprächs: Sie: „Wollen Sie nicht aufstehen? Sie sehen doch, ich bin behindert.“ Sie zeigte auf ihre Gehhilfe.

Kampf um den Sitzplatz

Er: „Ich will nicht aufstehen und behindert bin ich auch.“ Er zeigte ihr den Stock. Das beeindruckte sie nicht. Sie: „Sie können mir ja viel erzählen.“ Sie zog einen entsprechenden Ausweis aus der Tasche und hielt ihm diesen vor die Nase. Jetzt mischte sich auch der Fahrer ein: „Wirds noch wat?“ Sie: „Ich verlange, dass Sie als Fahrer dafür sorgen, dass der Mann den Sitz verläßt!“ Dem BVG-Mann war die Situation sichtlich zu doof und wendete sich ab. Die Frau aber gab   nicht auf, und der Mann auf dem Behindertensitzplatz auch nicht.   Er: „Wie schwer sind sie denn behindert?“ Sie: „50 Prozent.“ Er lehnte sich zurück und sagte: „Bei mir sind es 60.“ Sie: „Das will ich sehen!“ Der Fahrer drehte sich um und grinste. Der Mann zeigte ihr das amtliche Dokument und sagte: „Bei mir steht 60.“ Sie schüttelte den Kopf, ließ von ihm und dem Sitz ab und setzte sich verbiestert auf einen anderen Platz hinter ihm. Auswahl gab es reichlich. Nur drei der knapp 30 Sitzplätze in diesem Bus waren besetzt.

„Geht doch“, brabbelte der Fahrer und gab Gas. Der Mann stieg, wie ich auch, am Alexanderplatz aus. Die Frau fuhr weiter. Die Nerverei hatte ein Ende. Für den Rückweg nahm ich mir ein Taxi.

Nicht auszudenken, wenn ich mich eingemischt hätte. Ich habe nämlich auch einen 60-iger Ausweis und auch einen Stock. Vielleicht wäre es lustig geworden.