Bislang war es so, dass Berlin zu den am meisten mit Feinstaub belasteten Städten in Deutschland gehörte. 
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BerlinHauptstadt des Feinstaubs – das war einmal. Über die Berliner Luft gibt es Gutes zu vermelden. Aktuelle Daten zeigen, dass die Belastung der Stadtluft mit Feinstaub in diesem Jahr gesunken ist. Dazu haben die Bürger beigetragen.

Bislang war es so, dass Berlin zu den am meisten mit Feinstaub belasteten Städten in Deutschland gehörte – zusammen mit Stuttgart und einigen Städten in Nordrhein-Westfalen. Für 2019 zeigen die Werte des Umweltbundesamts, dass die Belastung in Berlin weit unter dem früheren Niveau bleibt. Sie ist so niedrig wie schon sehr lange nicht mehr.

Wie unter einem Deckel

In der Frankfurter Allee in Friedrichshain wurde der Feinstaubgrenzwert im Zeitraum zwischen dem 1. Januar und dem 21. Dezember an insgesamt 14 Tagen überschritten. In den vorangegangenen drei Jahren war das jeweils 28-mal der Fall. In der Silbersteinstraße in Neukölln wurden elf Überschreitungen festgestellt – in den vorangegangenen drei Jahren schwankte die Zahl zwischen 26 und 29. In der Karl-Marx-Straße in Neukölln schwebte an sieben Tagen mehr Feinstaub in der Luft als erlaubt. Dagegen gab es 2017 insgesamt 28 Überschreitungstage, 2016 und 2018 sogar 29 Tage.

Das Wetter ist ein wichtiger Faktor, hieß es in der Senatsumweltverwaltung. „In diesem Jahr gab es weniger Hochdruckwetterlagen als zum Beispiel 2018“, sagte Derk Ehlert, Sprecher von Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne). Bei solchen Lagen ist der Luftaustausch gering, und die Schadstoffe konzentrieren sich wie unter einem riesigen Deckel, der auf die Stadt gelegt wurde.

Schlechte Luft aus dem Osten

Damit nicht genug: Wenn es Wind gibt, ist er meist schwach, und er weht aus östlicher oder südöstlicher Richtung. So gelangt Feinstaub aus Kraftwerken in der Lausitz und in Polen hierher – oft in Form von Sulfatpartikeln. Auch Nitratpartikel aus der Landwirtschaft in Brandenburg reichern dann verstärkt die Atemluft an. Für 2019 lässt sich allerdings sagen, dass die Winde für Berlin, die Berlinerinnen und Berliner günstiger waren, hieß es im Senat. Davon profitiert auch das östliche Brandenburg, wo Messstellen in Frankfurt (Oder) oder Bernau oft ebenfalls hohe Werte anzeigten.

2005 kam noch die Hälfte des Feinstaubs in Berlin von außerhalb. Inzwischen ist dieser Anteil deutlich über 60 Prozent gestiegen – in einer Analyse des Senats, die vier Jahre alt ist, wird von 62 Prozent gesprochen.

Berlins Anteil ist entsprechend gesunken – eine weitere gute Nachricht. Laut Senat ist noch knapp ein Drittel des Feinstaubs hausgemacht. 26 Prozent des Gesamtaufkommens stammen vom Kraftfahrzeugverkehr, fünf Prozent von Baustellen.

Dass die berühmte Berliner Luft heute weniger gesundheitsschädliche Partikel enthält als früher, ist unter anderem der Umweltzone zu verdanken – und den Kraftfahrern, die sich (von einer fünfstelligen Zahl von Bußgeldzahlern pro Jahr abgesehen) an die Einfahrverbote für Autos mit hohen Abgaswerten halten und ältere Fahrzeuge abgeschafft haben.

Umweltzone zeigt Auswirkungen

„Die wirksamste Maßnahme gegen Feinstaub war die Einführung der Umweltzone in zwei Stufen 2008 und 2010“, bekräftigt Martin Schlegel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Sie habe dazu geführt, dass die Feinstaubemission um rund ein Fünftel sank, was die Zahl der jährlichen Überschreitungstage im Schnitt um zehn senkte.

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) trugen ihren Teil dazu bei, dass die Luft sauber wurde. 1320 Busse wurden mit Rußfiltern ausgestattet, lobt Schlegel. Dadurch würden seitdem 37 Tonnen krebserregendes Dieselruß pro Jahr weniger emittiert. „Der Ruß ist Teil des Feinstaubs“, erklärt der BUND-Verkehrsreferent. So viel steht fest: Die Berliner Luft ist besser geworden. Aber weiterhin bestehen Risiken für die Gesundheit.

Schlegel fordert, den Ausbau des Straßenbahnnetzes zu beschleunigen, Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen wirksam und dauerhaft zu kontrollieren sowie auszuweiten. Auch müsse der Senat   das Neujahrs-Böllern einschränken sowie Laubbläsern den Kampf ansagen.

Die Menschen in Europa würden im Durchschnitt zehn Monate länger leben, wenn sie nicht so viel Feinstaub einatmen müssten, hat die Weltgesundheitsorganisation ermittelt. Wer den Teilchen lange ausgesetzt ist, trage ein höheres Risiko, an Herz, Kreislauf und Atemwegen zu erkranken, warnen Mediziner.

Eine Frage des Grenzwerts

Nicht wenige Wissenschaftler halten den Grenzwert, den die Europäische Union festgelegt hat, für unzureichend. Danach dürfen in einem Kubikmeter Luft im Tagesdurchschnitt höchstens 50 Millionstel Gramm Feinstaub schweben. Dieser Wert darf pro Kalenderjahr maximal an 35 Tagen überschritten werden.

Im Senat stimmt man den Wissenschaftlern zu, die eine Senkung der Grenzwerte verlangen. Von dem anzustrebenden Niveau sei „Berlin noch weit entfernt“, sagte Günthers Sprecher Jan Thomsen. „Deshalb müssen weitere Anstrengungen erfolgen, um die Berliner Bevölkerung vor schädlichen Feinstaubwerten zu schützen.“