Berlin - Liegt es am Wetter? Oder an der Umweltzone? Trägt der Wind weniger Schmutzpartikel in die Stadt? Über die Gründe streiten sich die Experten noch. Doch in einem stimmen sie überein: Berlins Luft ist besser geworden. Der EU-Grenzwert für gesundheitsschädlichen Feinstaub wurde 2012 viel seltener überschritten als in den vergangenen Jahren. Das geht Messdaten hervor, die das Umweltbundesamt veröffentlicht hat.

Die Menschen in Europa würden im Durchschnitt zehn Monate länger leben, wenn sie nicht so viel Feinstaub einatmen müssten. Das hat die Weltgesundheitsorganisation ermittelt. Wer den Partikeln längere Zeit ausgesetzt ist, trage ein großes Risiko, an Herz und Kreislauf sowie an der Lunge zu erkranken. Weil sie so winzig sind, dringen die Staubteilchen über die Lunge leicht in den Körper ein. Die Europäische Union (EU) setzt der Belastung der Luft klare Grenzen. Sie hat festgelegt, dass der Wert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft an höchstens 35 Tagen im Kalenderjahr überschritten werden darf.

Diese Marke wurde in den vergangenen Jahren oft überschritten. Doch 2012 blieb die Belastung überall im Rahmen. Beispiel Silbersteinstraße in Neukölln: 2011 ging die Feinstaubbelastung an 54 Tagen über das Höchstmaß hinaus, in diesem Jahr bis Mittwoch nur 26 Mal. Auch die stark befahrene Frankfurter Allee in Friedrichshain fiel bei den Feinstaubmessungen des Senats immer wieder unangenehm auf. 2011 wurde die EU-Marke an 47 Tagen gerissen, in diesem Jahr bisher an 18.

„Die Umweltzone bringt was“

Egal, ob es sich um Messtellen an der stark befahrenen Steglitzer Schildhornstraße oder im fast schon ländlichen Friedrichshagen handelt: Immer war die Belastung viel niedriger als 2011 oder 2010.

„Dafür gibt es nicht einen einzigen Grund, sondern einen Mix von Gründen“, erklärte Petra Rohland, die Sprecherin des Umweltsenators Michael Müller (SPD). Dazu zähle die Umweltzone. Seit 2008 ist das Gebiet innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings für Fahrzeuge mit hohen Abgaswerten tabu – von Oldtimern, Polizeiautos und anderen Ausnahmen abgesehen. Seit 2010 dürfen in der Zone nur noch Fahrzeuge mit grüner Schadstoffplakette unterwegs sein. „Die zweite Stufe hat gegriffen“, sagte Rohland. „Die aktuellen Daten zeigen: Die Umweltzone bringt was.“

„Sie hat offensichtlich dazu beigetragen, dass die Spitzenbelastung abgenommen hat“, so Tilmann Heuser, Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Die Umweltzone hat einen Anteil daran, dass die Berliner Luft besser geworden ist.“ Allerdings hat auch die Wetterlage beigetragen, wie Rohland bestätigte.

Für Jörg Becker vom Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) ist das einer der wesentlichen Gründe. „2012 war ein relativ niederschlagreiches Jahr“, sagte er. Regen bindet den Staub. Zudem treten Inversionswetterlagen, bei denen die Luft steht und der Feinstaub nicht weggetragen wird, bei Regen nicht auf. Wenn es sie 2013 wieder öfter gibt, „kann es mit den Feinstaubwerten wieder ganz schnell nach oben gehen“.

Der ADAC-Mann glaubt nicht, dass die Umweltzone wesentlich zu der Luftverbesserung beigetragen hat. „Es gibt sie schon seit Jahren. Trotzdem hatten wir zum Beispiel 2010 und 2011 eine hohe Feinstaubbelastung in Berlin“, sagte er. Der meiste Feinstaub käme weiterhin von außerhalb in die Stadt – zum Beispiel Rußpartikel aus polnischen Kraftwerken.

ADAC: Fahrverbote unnötig

Die umstrittenen Fahrverbote für ältere Fahrzeuge seien unnötig gewesen, sagte Becker. „Wir sind der Auffassung, dass man die Umweltzone nicht gebraucht hätte. Denn die meisten Fahrzeugbesitzer hätten ohnehin über kurz oder lang neue Autos oder Lieferwagen angeschafft.“ Privatleute ließen sich durch die Abwrackprämie dazu anregen, Neuwagen zu kaufen. Auch Unternehmen hätten sich neue Fahrzeuge zugelegt. So gehe es weiter, sagte Becker. Die Fahrzeugflotte, die auf Berlins Straßen unterwegs sei, werde sich weiter verfüngen, die Berliner Luft besser werden. Auch ohne Umweltzone.