Feinstaubbelastung in Berlin: Mikroangriff auf die Lungen

Bäume, Miethäuser, ein Alten-Pflegedienst, ein Bestattungshaus und anderes Gewerbe: Die Silbersteinstraße in Neukölln ist eine Straße wie viele. Doch sie ist etwas Besonderes. Was die Belastung der Luft mit Feinstaub anbelangt, ist die Silbersteinstraße eine der schmutzigsten Straßen in Deutschland. In diesem Jahr wurden schon an 33 Tagen Konzentrationen gemessen, die über dem zulässigen Tagesmittelwert liegen, teilt das Umweltbundesamt mit. Erlaubt sind 35 Überschreitungen pro Jahr. Auch anderswo in Berlin ist mehr Feinstaub in der Luft als erlaubt. „Es besteht Handlungsbedarf auf allen Ebenen“, teilt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt mit.

Sie sind klein, aber gefährlich. Wenn Kraft- und Brennstoffe verbrannt werden, Autos bremsen oder Reifen über rauen Asphalt rollen, wird Feinstaub frei. Schiffsmotoren, Baumaschinen und Zigaretten belasten die Luft ebenfalls damit.

Wie ein Deckel über der Stadt

Die Teilchen können auch natürliche Ursachen haben, aus Meeren mit viel Gischt und von staubigen Äckern stammen. Klar ist: Wenn sie oft eingeatmet werden, steigt das Risiko, an Herz, Kreislauf und Atemwegen zu erkranken. Deshalb hat die Europäische Union einen Höchstwert definiert: An maximal 35 Tagen pro Jahr dürfen mehr als 50 Millionstel Gramm Feinstaub in einem Kubikmeter Luft schweben.

Doch das wird in diesem Jahr vielerorts nicht mehr als ein frommer Wunsch sein. Am Stuttgarter Neckartor wurde die rote Linie schon an 36 Tagen überschritten. In Berlin zeichnet sich das ab. Das lassen weitere Daten des Umweltbundesamtes erwarten. Danach wurden in diesem Jahr in der Frankfurter Allee in Friedrichshain an 31 Tagen und in der Karl-Marx-Straße in Neukölln an 30 Tagen Überschreitungen gemessen. Sogar in Buch schlugen die Zeiger aus – seit Januar an 16 Tagen.

Buch ist ein grünes Wohnviertel am nordöstlichen Stadtrand. Kaum jemand würde erwarten, dass dort zu viel Feinstaub in der Luft schwebt. Dass das in diesem Jahr dennoch schon öfter der Fall war, hat seinen Grund, teilte Petra Rohland, die Sprecherin von Umweltsenator Michael Müller (SPD) mit: Das Wetter sei ein wichtiger Faktor.

„Die Wochen seit Februar waren von einer langanhaltenden Hochdruckwetterlage bestimmt“, sagte sie. „Anfangs wurden mit einer östlichen Luftströmung erhöhte Feinstaubwerte über die deutsch-polnische Grenze nach Berlin und Brandenburg verfrachtet“ – Partikel, die aus polnischen Kraftwerken und Fabriken stammen. „Später nahm der Wind ab, und bedingt durch klare Nächte bildete sich eine Kaltluftschicht am Boden.“ Es gab nur noch einen geringen Luftaustausch, die herbeigewehten Partikel blieben in Berlin. Es war es so, als läge ein Deckel über der Stadt – und über anderen Teilen Ostdeutschlands. Auch in Frankfurt (Oder), Bernau und Cottbus wurden die zulässigen Werte in diesem Jahr häufig überschritten.

Dieser Deckel bewirkte zudem, dass der Feinstaub, der in Berlin entstand, nicht fortgetragen wurde. Bis zu 50 Prozent der Partikel stammen aus lokalen Quellen. Den größten Anteil hat der Berliner Verkehr – Dieselmotoren, Reifen- und Bremsabrieb. Darum führt die Silbersteinstraße meist die Negativ-Rangliste an: Dort stauen sich viele Autos und Lkw, deren Abgase aus der Verkehrsschlucht nur zögerlich abziehen.

Weil der Verkehr immer noch eine Feinstaubquelle ist, hält der Senat nicht nur an der Umweltzone fest, er verschärft die Regelungen sogar noch. Rohland: „Die meisten Ausnahmen vom Fahrverbot enden 2014.“ Bis zu 2000 Autos und rund 100 Lastwagen sind betroffen. Noch weitergehende Regelungen lehnt der Senat dagegen ab: „Dieselfahrzeuge, die einen relevanten Emissionsvorteil gegenüber den jetzigen Fahrzeugen mit grüner Plakette haben, kommen erst langsam auf den Markt.“ Die bisherigen Fahrverbote hatten bereits dazu geführt, dass der Ausstoß krebserregender Dieselrußpartikel um gut zwei Drittel abgenommen habe, hieß es.

Holzheizungen im Visier

Der Senat nimmt auch die Holzheizungen ins Visier. Rohland: „Es wird untersucht, welchen Anteil sie an der Feinstaubbelastung haben.“ Doch die lokalen Anstrengungen müssten von schärferen Vorgaben in Europa flankiert werden: „Auf Initiative von Berlin und Brandenburg hat der Bundesrat die Regierung aufgefordert, sich für eine ambitionierte Regelung einzusetzen.“

Silke Gebel von den Grünen reicht der Blick nach Brüssel nicht aus. „Die Umweltzone gilt in Berlin nur für Kraftfahrzeuge. Baumaschinen und Schiffe sind davon ausgenommen“ – das müsse sich ändern.

Trotz der Probleme: „Berlin steht gut da“, so der Senat. Selbst an den schlimmsten Tagen erreichte die Feinstaubkonzentration nur 60 Prozent des Niveaus von Paris – dort galt wegen Smogalarms im März sogar einen Tag lang ein Fahrverbot.