Enthusiasten sind für Verwaltungen und Politiker meist anstrengend. Sie gefährden mit ihren Interessen und vor allem ihren oft überaus detaillierten Kenntnissen das einmal beschlossene Handeln, zeigen, dass es immer Alternativen gibt, dass andere Sichtweisen auch richtig sein können. Und manchmal setzen sich diese Enthusiasten sogar durch.

Etwa im Fall der Rockband Rammstein, des Bürgervereins Hansaviertel e.V. und des Ehepaars Barbara und Hans-Dieter Jaeschke, denen Kultursenator Klaus Lederer heute im Roten Rathaus die Ferdinand-von-Quast Medaille überreichen wird. Es sind drei Projekte, die zeigen: Es lohnt sich für die Bürger, im Interesse der Allgemeinheit auch mal zu nerven.

Lob für die Bürger

Seit dem Stadtjubiläum 1987 wird der Preis vergeben. Er ist benannt nach von Quast, dem 1807 in Neuruppin geborenen und 1877 in Berlin gestorbenen Architekten und Mitarbeiter Karl Friedrich Schinkels. Von Quast wurde 1843 von König Friedrich Wilhelm IV. zum ersten amtlich bestallten Denkmalpfleger Preußens berufen.

Preisträger sind viele Privathausbesitzer, aber auch der Architekturhistoriker Julius Posener, die Gründerzeit-Bewahrerin Charlotte von Mahlsdorf, der Maler Manfred Butzmann, viele Bürgervereine, der Architekten- und Ingenieurs-Verein.

Seit 2002 wurden übrigens keine staatseigene Institutionen wie Wohnungsbaugesellschaften, Energie- und Versorgungsbetriebe oder die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mehr geehrt. Schließlich ist es die Aufgabe des Staats und seiner Institutionen, unser Erbe angemessen zu bewahren – auch wenn alle Erfahrung zeigt, dass es gerade in großen Verwaltungen oft nur wenige Mitarbeiter sind, die sich um das Alte kümmern und deswegen eigentlich Ermutigung benötigen.

2017 also erhielten die Gärtnerinitiative Arnsfelder Platz, der Verein Bürger für den Lietzensee, der Arbeitskreis Steppengarten im Tiergarten, die Kunsthistoriker Sibylle Badstübner-Gröger und Ernst Badstübner und die Hausbesitzer Ute Linz und Peter Bachmann die Quast-Medaille. Und nun die Rocker von Rammstein, sicherlich der berühmteste Preisträger bisher. Sie werden gelobt für die deutlich über alle Notwendigkeit hinausgehende, sorgfältige Sanierung einer großen Industriehalle in Pankow.

In ihr wird nun die große Bühnen- und Konzertausstattung gelagert, dort sind außerdem die Büros der Band eingerichtet. Das ganze umgebende Areal sei damit vor dem weiteren Verfall gerettet worden, so der Senat. Denkmalpflege als Entwicklungsfaktor. Entgegengenommen wird die Medaille allerdings der Ankündigung nach nicht mit einem kleinen Sonderkonzert, sondern von Rammstein-Manager Stefan Mehnert.

Barbara und Hans-Dieter Jaeschke erhalten die Quast-Medaille für die im Ergebnis als Sensation zu bezeichnende Sanierung und Umnutzung des Stadtbades Prenzlauer Berg in der Oderberger Straße. Dieses hoch bedeutendes Denkmal der Bade- und Hygienekultur der Kaiserzeit wurde 1902 nach Plänen von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann eröffnet.

1986 musste es still gelegt werden, weil unsachgemäße Erweiterungen der Heizungsanlage das Schwimmbecken beschädigten. Jahrzehntelang stand es auch nach dem Untergang der DDR leer, das Engagement von Bürgervereinen, einer Genossenschaft oder schließlich der wegen ihrer Werbepraktiken umstrittenen Stiftung Denkmalschutz Berlin halfen nicht.

Barbara Jaeschke, als Leiterin der direkt neben dem Stadtbad gelegenen Sprachschule genau informiert und vom Verfall direkt betroffen, übernahm schließlich mit ihrem Mann 2012 das Gebäude. Es wurde sehr fein und klug umgebaut zur Erweiterung der Schule, als Hotel und Veranstaltungshaus. Man kann hier sogar wieder baden – wenn nicht gerade der Deckel über dem Becken geschlossen ist, um Party zu feiern.

Architekten aus aller Welt

Schließlich der Bürgerverein Hansaviertel. Er wurde erst 2004 begründet, hat aber seine Vorläufer bis weit in die 1990er-Jahre hinein. Sein Thema: Die Bewahrung des Hansaviertels, das 1957 als Teil der Internationalen Bauausstellung und als Aushängeschild West-Berlins entstand. Kaum ein Architekt der damaligen westlichen Welt, der dort nicht geplant hat.

Trotzdem herrschte in den 1990ern in der Senatsbauverwaltung die Überzeugung, dass dieses Kunstwerk das falsche Hansaviertel sei, verdichtet werden müsse, um es zurück in die Bahnen eines „europäischen“ Städtebaus zu führen. Dass dies nicht geschehen ist, darf auch dem Engagement der Bewohner und ihres Vereins zugerechnet werden. Vor allem aber machten sie einer breiteren Öffentlichkeit und der Politik bewusst, dass dieses Stadtviertel ein Schmuckstück Berlins ist und durchaus auf die Welterbeliste gehört.