Neuer Trend in Berlin: Touristen leben hinter verklebten Schaufenstern

Unser Kolumnist wundert sich, dass in seinem Friedrichshainer Kiez immer mehr Läden zu wirklich sehr teuren Ferienwohnungen werden.

Schaufenster am Gendarmenmarkt: Nicht immer ist so richtig klar, was hinter der Scheibe passiert.
Schaufenster am Gendarmenmarkt: Nicht immer ist so richtig klar, was hinter der Scheibe passiert.Ostkreuz/Sebastian Wells

In dieser Nacht ist es draußen auf der Straße richtiggehend kühl, aber im Schaufenster eines Ladens im Friedrichshain sitzt ein fast nacktes Baby. Der erste Gedanke: Es ist eine Puppe in dicken Windeln, die dort hinter die große Scheibe gesetzt wurde. Ein irritierender Anblick. Aber auf den zweiten Blick wird klar: Es ist ein echtes Kind; ein Baby, das nun losrobbt. Aber warum krabbeln hier nachts Babys im Laden herum?

Nun gut, in Berlin ist alles möglich. Erst der dritte Blick zeigt: Das ist gar kein Laden mehr, das sieht nur so aus. Zwei Schaufenster, eine Glastür. Durch die Tür ist die Mutter zu sehen, die mit ihrem Handy hantiert. Dieses Geschäft ist neuerdings eine Ferienwohnung mit großen Fenstern zur Straße.

Touristenunterkünfte in Läden sind offenbar inzwischen ein neuer Trend in Berlin. Allein in unserem Kiez habe ich drei gesehen. Die Fenster sind meist mit Milchglas-Folien vor lästigen Blicken geschützt.

Das erste Mal, dass ich Leute sah, die im Schaufenster leben, ist viele Jahre her. Damals wohnte am Hackeschen Markt ein Mann wochenlang hinter einem großen Fenster – ganz ohne Sichtschutz. Es war ein Aktionskünstler in einer Galerie, der seinen Alltag zur Kunst machte. Alle konnten zuschauen, wie er kochte, las, schlief oder in der Nase bohrte.

12.400 Euro im Monat

Das war damals Kunst, heute geht es um Kommerz. Vor ein paar Wochen hing ein Zettel am Schaufenster eines anderen Ladens im Kiez. Die Mieter teilten mit, dass sie nun nach Jahrzehnten verdrängt werden. Sie wären gern geblieben, doch die geforderte Mieterhöhung sei einfach zu heftig. Die Leute kündigten auch an, was nach ihnen in den Laden kommt: eine teure Ferienwohnung.

Die wird nun im Internet beworben. Das Ganze ist eine Bleibe für vier Leute. Es gibt ein paar Bilder im Netz: Küche, Bad, Wohnzimmer, Schlafzimmer.

Ich weiß nicht, wie hoch die Miete früher war. Doch nun kostet die Nacht für zwei Personen 400 Euro. Das ergäbe, wenn die Ladenwohnung voll ausgebucht wäre, für 31 Nächte immerhin 12.400 Euro. Bucht jemand aber gleich den ganzen Monat, gibt es Rabatt: Dann sind nur 4000 Euro fällig.

Die Verdrängung früherer Läden ist unfair. Den Vermietern geht es nur um den Profit, nicht um den Kiez. Doch der Trend muss nicht in jedem Fall schlecht sein. Wie überall in Berlin herrscht bei uns im Kiez eine Wohnungsnot – auch, weil viele Wohnungen für Touristen blockiert werden.

Nach Corona oder wegen zu hoher Energiekosten schließen nun etliche Läden. Wenn dort eine Ferienwohnung eingerichtet wird, ist das gut. Noch besser wäre es allerdings, wenn dafür eine andere Ferienunterkunft im Kiez geräumt wird. Dann wäre diese Wohnung wieder für normale Mieter frei.