Berlin - Stefanie Sasse muss sich niemals einen Wecker stellen. Seit zehn Jahren wird sie jeden Morgen liebevoll von ihrem Freund Wolfgang geweckt. An ihrem Bett sitzt er dabei aber nicht. Es gibt keinen Kuss und keine Umarmung, denn er ist nur am Telefon. Seine Morgengrüße erreichen die Berlinerin aus Karlsruhe. Die beiden führen eine Fernbeziehung. Sie kennen es nicht anders. Jeder hat seinen Job dort, wo er unter der Woche lebt. Und keiner von beiden möchte ihn aufgeben.
Christoph Tölle wacht jeden Montag auf, wenn seine Freundin Carmen schon wieder weg ist. Wenn der Drehbuchautor unter die Dusche geht, sitzt sie im Zug nach Emden, wo sie bis Freitag arbeiten wird, um sich dann wieder auf den Weg nach Berlin zu machen. Sie möchte nicht nach Berlin zurück. Und er nicht nach Emden.

Der Journalist und rbb-Mann Jörg Thadeusz wird nächste Woche wieder für vier Tage nach Washington fliegen. Dort arbeitet seine Frau als Hörfunkjournalistin. Seit vier Jahren. Und noch mindestens für ein weiteres Jahr. Thadeusz liebt die USA, er ist gerne in Washington. Seine Fernbeziehung findet er „fantastisch“. Aber eigentlich macht er nur das Beste aus einer Situation, die eben so ist.

Jede Menge Kilometer

Drei Paare und jede Menge Kilometer dazwischen. Sie haben sich immer entweder ganz oder gar nicht. Wenn man sich sieht, ist immer einer auf Besuch. Sobald sich Routine einschleichen kann, muss einer schon wieder weg. Das prickelt. Und manchmal nervt es auch. Es gibt keine offizielle Statistik über Fernbeziehungen, nur Schätzungen. Danach pendelt in Deutschland jedes siebte Paar hin und her. Bei Akademikern soll der Anteil noch höher sein. Auch kein Trost für die Betroffenen. Manche machen allerdings den Eindruck, als bräuchten sie gar keinen.

Stefanie Sasse zum Beispiel. Sie muss immer lächeln, wenn sie von ihrem Freund erzählt. Sie sagt, dass sie nie streiten. Nicht bei einem der vielen Telefonate, die sie jeden Tag führen. Und schon gar nicht, wenn sie sich sehen. Keine Frage, sie ist auch nach zehn Jahren noch in ihn verliebt. Dabei waren die 46-jährige Angestellte und der 54-jährige Autor nicht mal in der gleichen Stadt, als sie sich kennenlernten. „Wir haben uns in einem Internetportal Emails geschrieben“, erzählt Stefanie Sasse und lächelt schon wieder. Erst mailen, dann chatten, dann telefonieren. Nach zwei Monaten haben sich die beiden persönlich kennengelernt. „Doch es war schon klar, dass wir ein Paar sind“, sagt Stefanie Sasse. An ihrem zehnten Jahrestag hat er ihr einen Antrag gemacht. Im Juni werden sie heiraten. Und weiter in verschiedenen Städten leben.

Für Jörg Thadeusz, 43, ist die Fernbeziehung zu seiner Frau eher eine Etappe im langjährigen Zusammenleben. Die beiden kennen sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert, waren schon gemeinsam bei der Schülerzeitung in Dortmund. Ein Paar wurden sie erst viel später. „Ich kam jahrelang nur als guter Freund in Betracht“, kokettiert er ein bisschen. Vergangenes Jahr haben sie geheiratet. Zur Zeit arbeiten sie gemeinsam an einem Buch. Wenn er redet, hat er auf einmal ein so ein Lächeln im Gesicht wie Stefanie Sasse. Christoph Tölle ist eher der verschlossene, nachdenkliche Typ. Aber auch er hat einen ähnlichen Gesichtsausdruck, wenn er über sich und Carmen sagt: „Ich habe ein Urvertrauen, das zwischen uns alles richtig ist.“

Die Seemannsbraut

Dann sind Leute mit Fernbeziehungen also die wahren Romantiker in dieser Welt? Unsere Kollegin Nancy Krahlisch hat ein Buch über ihre Fernbeziehung zu einem Kapitän geschrieben, der monatelang auf See ist. Und den sie im vergangenen Jahr geheiratet hat. „Ich habe nur positive Reaktionen bekommen“, sagt sie, „Manche beneiden mich sogar. Und alle sagen, dass sie unsere Liebe so romantisch finden.“

Wenn nur die Abschiede nicht wären. „Man zählt immer einen Countdown runter“, sagt Thadeusz, „noch zwei Nächte, noch eine und dann kommt schon wieder die Fahrt zum Flughafen.“ Stefanie Sasses Freund fährt sie in Karlsruhe immer zum Bahnhof. Oft fährt er eine andere Route, wenn er merkt, dass bei ihr im Magen der Knoten immer größer wird. „Beim letzten Mal ist er bis Mannheim gefahren“, sagt sie und nun sieht ihr Lächeln eher tapfer aus. Christoph Tölle versucht den Abschied ganz zu vermeiden, indem er einfach weiterschläft, wenn seine Freundin um vier Uhr morgens zum Bahnhof aufbricht. Es klappt nicht immer. „Ich stehe dann am Fenster und winke ihr nach.“ Einschlafen kann er danach nicht mehr.
Seemannsbraut“ heißt das Buch von Nancy Krahlisch. Am Dienstagabend um 18.30 Uhr liest sie daraus im großen Saal des Berliner Verlages, Karl-Liebknecht-Straße 29. Der Eintritt ist frei.