Zwei Freundinnen. (Symbolbild)
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BerlinWas sie wohl gerade macht? Trinkt sie Tee, konzentriert gebeugt über eine lange To-do-Liste, wie ich es so oft beobachtet habe? Spielt sie Klavier bei offenem Fenster? Liest sie ein Buch, diskutiert mit dem Kind? Vielleicht geht sie auch spazieren oder kauft ein. Es ist Samstag, der einzige Tag, der dafür zur Verfügung steht, wenn man wie sie die ganze Woche durcharbeitet.

Sie ist eine Freundin, die irgendwo da draußen in der Stadt ist. Ich habe seit Monaten nichts von ihr gehört. Als das Virus uns alle in die Häuser schickte, habe ich einige Male versucht, sie zu erreichen. Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Die Freundin hat noch ein Festnetztelefon mit einem separaten Anrufbeantworter, eine ihrer Eigenarten, die ich liebe. Fotos bewahrt sie in den Papiertaschen auf, in denen man sie in der Drogerie abholt.

Sie rief nicht zurück. Sorgen bereitet hat mir das zunächst nicht, auch mich haben der Rückzug, die Stille draußen, die neuen Anforderungen und die Unbegreiflichkeit der Situation zunächst ganz stumm gemacht. An manchen Tagen habe ich nur mit dem Mann und den Kindern gesprochen, Anrufe in die Mailbox laufen lassen. Habe mich gefragt, ob das jetzt für immer so bleibt. Ob wir das Sprechen verlernen wie den Händedruck, die spontane Umarmung, das Engbeeinanderstehen in der U-Bahn.

Irgendwann kam eine dürre E-Mail, in der die Freundin schrieb, dass es ihr nicht gut gehe und sie keine Kraft habe für Kontakte zu anderen Menschen. Ich solle ihr das bitte nicht übel nehmen. Nun machte ich mir doch Sorgen, nicht nur um sie, sondern auch um uns. Wir kennen uns 17 Jahre. Haben reichlich dunkle Täler durchschritten und viele helle Stunden erlebt. Wir waren zur Stelle für die andere, wenn Hilfe nötig war mit den Kindern, als sie klein waren und haben uns zusammen die Köpfe zerbrochen, seit sie groß und rätselhaft sind. Wir haben Hunderte von Kaffee- und Teetassen geleert, rauschende Feste zusammen gefeiert und, wenn es nötig war, gemeinsam geweint.

Wir haben unsere Marotten kennen- und verzeihen gelernt. Sie kam immer zu spät. Ich konnte es mir nicht abgewöhnen, mit Stiefeln in ihre geputzte Küche zu latschen. Wir haben gestritten und uns wieder vertragen. In manchen Zeiten war unser Kontakt dicht und intensiv, in anderen vergingen Wochen ohne Wiedersehen. Was immer da war: das Wissen, dass sie da ist, irgendwo da draußen in der Stadt. Dass wir verbunden sind, seit 17 Jahren.

Vieles hat sich neu sortiert in den letzten Monaten. Aus lockeren Bekannten wurden Freunde, andere Freundschaften entpuppten sich als nicht krisentauglich. Familie und Nachbarn rückten zusammen, oberflächliche Kontakte rissen geräuschlos ab. Bestimmt erlebten und erleben das viele Menschen in der Stadt gerade. Und vielleicht entpuppt sich diese Neuordnung der Beziehungen als eine der vielen guten Folgen dieser Zeit, wie die bessere Luft und die saubere Lagune von Venedig. 17 Jahre Verbundenheit, die plötzlich zittert, aber nicht reißt. Sie fehlt mir. Was sie wohl gerade macht?