Berlin - Da steht er: hoch gewachsen, aufrecht, elegant – Dirk Otto, der Schichtleiter des Tages im Berliner Fernsehturm. Der 54-Jährige trägt eine dunkle Weste über dem hellen Hemd. Er wartet im Foyer des Turms, draußen stehen dutzende Besucher. Sie wollen mit den zwei Aufzügen hoch hinaus in dem 368 Meter hohen Turm und die Aussicht genießen. Punkt 9 Uhr öffnet er die Türen. „Jetzt kann’s losgehen! Hallo, guten Morgen, Welcome!“

Der Turm ist der höchste Blitzableiter der Stadt und der höchste Sendemast mit 150 Antennen für Fernsehen, Radio und Richtfunk. Er ist der beste Aussichtsort und ein idealer Orientierungspunkt für alle, die durch die Stadt irren. Natürlich ist er auch Berlins weltbekanntes Wahrzeichen – neben dem Brandenburger Tor. Er ist wohl der schönste Fernsehturm in Deutschland, auf alle Fälle das höchste Gebäude – ein Bauwerk der Superlative.

Der Empfangschef

Wer dort arbeitet, kann ebenfalls Superlative aufweisen. So wie Dirk Otto, der seit vier Jahren Schichtleiter im Besucherservice ist und dafür sorgt, dass die Besucherströme stressfrei hochkommen und wieder runter. Zuvor war er Aufzugführer. Da kommen viele Höhenmeter zusammen: Pro Schicht sind es 200 Fahrten, bei 220 Arbeitstagen und elf Jahren ist er etwa 484.000-mal hoch- und runtergefahren, hat 95.000 Kilometer zurückgelegt und rein rechnerisch fast 11.000-mal den höchsten Berg der Welt bezwungen.

Otto hat etwas in der Hand, das aussieht wie eine Türklinke. Damit geht er vor die Tür. Dort ist es noch ruhig.

Ein Mann fährt Hochrad, ein anderer stellt Werbeschilder auf, Leute eilen vorbei, ohne das Wunderwerk der Baukunst wahrzunehmen – es sind sicher Berliner. Ein paar spanische Schüler sitzen auf Bänken: Die einen schauen runter aufs Handy, die anderen hoch zur Turmkugel.

Bis zu 5000 Gäste pro Tag

Otto öffnet mit seiner Spezialklinke die Ticketautomaten, tippt Sicherheitscodes ein und schaltet sie frei. Bei schönem Wetter sind sie sehr wichtig, denn dann ist der Andrang groß. „Die Schlange reicht manchmal bis zur Straßenbahnhaltestelle.“ Er zeigt zum 100 Meter entfernten Bahnhof Alexanderplatz. „Wenn richtig was los ist, haben wir 5000 Gäste am Tag, da nehmen die Automaten richtig Druck von der Kasse.“

Otto, der gelernte Elektriker, der früher auch mal Baumaschinen fuhr, der Landvermesser und Autoverkäufer war, ist ein gelassener Typ. Immer freundlich, aber bestimmt. Das ist wichtig, wenn es darum geht, den Touristen zu erklären, dass sie keine Rucksäcke mitnehmen dürfen – aus Sicherheitsgründen. Oder dass Leute mit Gehbehinderung nicht hinein dürfen. „Der Turm wurde bis 1969 gebaut. Damals gab es den Begriff Barrierefreiheit noch gar nicht.“

Das Foyer ist so gebaut, dass die Besucher 30 Stufen bis zu den Aufzügen bewältigen müssen. „Aber um diese Stufen geht es nicht“, sagt der 54-Jährige. „Es geht um den möglichen Notfall, wenn die Aufzüge nicht funktionieren sollten. Dann muss jeder Besucher allein in der Lage sein, die 986 Stufen hinunterzusteigen.“

Das Jubiläum

Der Fernsehturm wird im Oktober 50 Jahre alt und gehört heute zu den meistbesuchten Touristenzielen der Stadt. Längst ist vergessen, dass er durchaus umstritten war. Für die einen war der Turm einfach nur eine Sehenswürdigkeit, eine architektonische Meisterleistung.

Der optisch minimalistische und funktionale Entwurf ist ein Beispiel für den in den 1920er-Jahren in den USA entstandenen International Style. Dazu gehören im Osten Berlins Bauten wie das Kino International oder das Kongresszentrum am Alex, im Westen Berlins zum Beispiel das Europa-Center am Breitscheidplatz.

Der Bau des Fernsehturms war durchaus umstritten

Andere störten sich am politischen Hintergrund der Entstehung, daran, dass SED-Chef Walter Ulbricht diesen Angeber-Bau quasi diktatorisch durchgesetzt hat. Die Herrschenden feierten ihn als „Meisterstück der Republik“, als „Symbol unserer Leistung“. Nach dem Ende der DDR gab es sogar Stimmen, die den Turm auf eine Stufe mit der Mauer stellten und den Abriss empfahlen.

Aus heutiger Sicht ist es ein passender historischer Zufall, dass es zwei Eröffnungsdaten gibt: Die Öffentlichkeit durfte den damals zweithöchsten Fernsehturm der Welt am 7. Oktober 1969 betreten – am 20. Geburtstag der DDR. Offiziell eröffnet hatte ihn Ulbricht bereits am 3. Oktober – dem späteren Feiertag des vereinten Deutschlands. An diesem Tag wird nun auch der 50. gefeiert.

Der Aufzugfahrer

Auf dem Bildschirm über der Tür steht die aktuelle Höhe über dem Boden: 6,25 Meter. Acht Leute treten in einen der zwei Aufzüge. Anders als in anderen Gebäuderiesen werden die Gäste nicht sich  selbst überlassen. Und so steht Andreas Mewes in seiner Ecke – der Aufzugführer. Der gebürtige Berliner ist seit sechs Jahren dabei.

Der gelernte Koch hat früher im Internationalen Handelszentrum an der Friedrichstraße gearbeitet, war selbstständig, dann im Ausland. Als er zurückkam, wollte er nicht mehr in der Küche rackern. „Die Leute da sind heute wesentlich jünger“, sagt der 58-Jährige. Also fährt er Aufzug.

Mit ruhiger Stimme sagt er zu den Gästen: „Guten Morgen! Good morning! You speak englisch?“ Die Dänen, Slowaken und Japaner nicken, und er erklärt, dass es mit sechs Metern pro Sekunde aufwärts geht und dass die Fahrt 40 Sekunden dauert.

Vom Fernsehturm aus: Sicht bis zu 70 Kilometer

„Dass wir hier sind, hat vor allem mit Sicherheit zu tun“, erklärt er. „Die einen haben etwas Angst, wollen nicht hoch und zögern, die anderen sind ungeduldig und drängeln.“ Er ist auch wichtig, wenn ein Lift stecken bleibt. Das passiert durchschnittlich einmal pro Jahr. Dann ruft Mewes die Servicefirma.

Bei ihm sorgen die 200 Fahrten pro Tag für keine körperlichen Reaktionen, aber manchen Besuchern ist nach dem Stopp etwas schwindelig. Natürlich fährt Mewes nicht nur hoch und runter. Ganz am Anfang schaut er sich die Aussicht an: Er will wissen, ob man 70 Kilometer bis zur Freizeithalle Tropical Islands in Südbrandenburg schauen kann oder nur bis zum benachbarten Dom. „Das wollen die Gäste oft vor der Fahrt wissen, wenn das Wetter so lala ist.“

Die Aufzüge wurden in 50 Jahren zweimal ausgetauscht: Erst fuhren schwedische, dann finnische, nun deutsche. Sie werden wirklich oft benutzt: Zu den mehr als 200 Besucherfahrten kommen vor und nach der Öffnungszeit die Dienstfahrten fürs Restaurant. Jedes Wasser, jedes Bier, das oben getrunken wird, muss genauso mit dem Aufzug nach oben wie jede leere Flasche wieder runter.

Welcher Aufzug ist besser?

Nach 40 Sekunden stoppt der Aufzug sanft, und Mewes sagt seinen Gästen zum Abschied: „Sie haben alles richtig gemacht, dass Sie so früh gekommen sind. Jetzt ist es noch nicht so voll. Have a nice day!“

Zwei Lifts – welcher ist besser? Er lacht: „Es gibt keinen Unterschied. Mal fahre ich eine Schicht den linken, mal den rechten.“ Heute ist es der linke. Der ist schon wieder voll, und Mewes fährt die Leute in die Tiefe: 197,53 Meter in 40 Sekunden.

Der Besuchermagnet

Der Fernsehturm ist Gründungsmitglied der weltweiten Vereinigung der größten Türme, zu der 50 Bauwerke gehören – vom ältesten, dem Pariser Eiffelturm aus dem Jahre 1889, bis zum Weltrekordhalter, dem 828-Meter-Hochhaus Burj Khalifa in Dubai.

„Bei uns arbeiten fast 120 Leute“, sagt Dietmar Jeserich von der Firma, die den öffentlichen Teil des Turms gepachtet hat. Es gibt Garderobieren, Kassierer, Souvenirverkäufer, Aufzugfahrer, Köche, Kellner.

Jedes Jahr kommen 1,3 Millionen Besucher. Wer es ganz genau wissen will, bekommt schnell eine Antwort. Jeserich greift zum Handy, ruft eine Frau an, die nachschaut. Derweil erzählt er, dass die Durchlassschranke, bei der jeder wie am Flughafen kontrolliert wird, jeden Besucher zählt.

60 Millionen Besucher seit 1969

Kaum hat er das gesagt, klingelt das Telefon und ihm wird die Zahl aller Besucher seit der Eröffnung gesagt: 60937441. Das ist eine Hausnummer. Der Funkturm in Westend hat jedes Jahr 60000 Besucher – insgesamt 1,7 Millionen.

„Wir hatten nie einen echten Notfall“, erzählt Jeserich. „Keinen Herzinfarkt, keine Geburt im Turm.“ Nur in diesem Juni musste der Turm mal außerplanmäßig um 20 Uhr schließen, weil ein Bauarbeiter 300 Meter entfernt einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden hatte. Bei einer unkontrollierten Explosion hätten Splitter bis zur Kugel des Turms fliegen können.

Die Restaurantchefin

Das höchste Bauwerk Deutschlands ist ein Arbeitsplatz für Aufsteiger. Dirk Otto, der Schichtleiter, fuhr erst Aufzug, Cornelia Ast, die Chefin des Restaurants, hat 1991 am Fuße des Turms als Kellnerin angefangen. „Mein Sohn arbeitet auch hier“, sagt die 54-Jährige. Er fing als Aufzugfahrer an, nun arbeitet der Hotelfachmann als Manager für die Entwicklung des Turms. „Es ist kein Turm wie jeder andere. Mitarbeiter, die alles von der Pike auf kennen, sind Gold wert.“

Im Restaurant sitzen die Gäste an den Tischen, während das Restaurant in der Kugel im Kreis fährt: tagsüber dauert eine Runde 30 Minuten, abends 60 Minuten. Es gibt 200 Plätze.

Das ist eine Menge, vor allem wenn man bedenkt, dass die Küche nur elf Quadratmeter groß ist. In einer Küche unten am Turm arbeiten drei Leute und bereiten alles vor, was möglich ist – etwa die Suppen. Vor Schichtbeginn fahren die Aufzüge alles hoch. „In der winzigen Küche im Turm arbeiten vier Leute, die alles frisch zubereiten, was frisch sein muss“, sagt Cornelia Ast. „Zum Beispiel braten sie die Steaks.“

"Sie sehen jeden Dackel"

Sie sagt, dass sie eigentlich nie so weit oben arbeiten wollte. „Heute sage ich: Mir würde was fehlen.“ Dann erzählt sie, dass sie mal außerhalb dieser Kugel war. Beim 35. Geburtstag des Turms gab es eine Aktion für Gäste, die sich angeschnallt aufs Gerüst der Fensterputzer stellen durften. „Ich hab mich auch getraut.“ Ihre Augen leuchten. „Ich stand quasi frei über dem Boden, unter mir nur ein Gitterrost aus Metall.“

Ihr Telefon klingelt, sie sagt: „Ich muss“, und eilt winkend davon. Unser Tisch dreht weiter seine Runde. „Wir nennen es die höchste Stadtrundfahrt Berlins“, sagt Turmsprecher Jeserich. „Von hier oben können Sie jeden Dackel sehen.“

Das Schönste ist eine Sache, die man gern vergisst

Die Aussicht ist tatsächlich fantastisch. Blauer Himmel, nur am Horizont ein paar Wolkenfetzen, die die Tropical-Islands-Halle verdecken, aber der Funkturm ist zu sehen, der Müggelturm und sogar der Tower vom Flughafen Schönefeld.

In Tegel landen und starten die Flugzeuge. Das Tempelhofer Feld wirkt ungewöhnlich groß, der Tiergarten kleiner als gedacht. Das Schönste aber ist eine Sache, die man gern vergisst: Dieser elegante Turm hat auch einen beeindruckenden Schatten.

Der Chef

Torsten Brinkmann bringt uns hinter die Kulissen des Turms. Dorthin, wo kein Tourist hinkommt. Wir nutzen den dritten – den technischen – Aufzug. Zuerst geht es 4,20 Meter in die Tiefe. Im Keller stehen zwei mächtige Notstromgeneratoren. „Innerhalb von 15 Sekunden übernehmen wir den Betrieb“, sagt der Objektmanager von der Firma Deutsche Funkturm, der auch dieses Baudenkmal gehört. Die 100-prozentige Tochter der Telekom betreibt bundesweit 29000 Funkstandorte.

Er zeigt einen Raum, in dem 200 mannshohe Gasflaschen stehen, die mit Stickstoff, Argon und Kohlendioxid gefüllt sind. „Die gehören zur größten Löschgasanlage Berlins.“ Das Gasgemisch würde im Technikbereich eingesetzt werden. „Feuer braucht Sauerstoff zum Brennen, mit dem Gas nehmen wir den Sauerstoff weg. Es ist so dosiert, dass ein Feuer ausgehen würde, Menschen aber überleben.“ Für Feuer im Publikumsbereich gibt es eine Hochdrucknebelsprühanlage mit Wasser.

Nicht ganz nach Plan, trotz Planwirtschaft

Der Aufzug stoppt bei 223,78 Meter. Nun geht es noch einmal 108 Stufen zu Fuß hinauf zur Außenplattform. Brinkmann sagt einen Satz, dessen Wirkung er ganz genau kennt. „Eigentlich ist der Fernsehturm ein Schwarzbau.“ Er lächelt. „Als es losging, gab es kein Papier, auf dem eine Baugenehmigung stand.“

Wer sich in die Historie vertieft, begreift, dass der Turmbau zu Berlin nicht ganz nach Plan lief, trotz der staatlichen Planwirtschaft. Zuerst war auf den Müggelbergen ein großer Funkmast geplant, doch der hätte im Flugkorridor von Schönefeld gestanden. Dann sollte ein Turm im Volkspark Friedrichshain stehen, doch der Mauerbau 1961 soll so viel Geld gekostet haben, dass der Plan aufgegeben wurde.

1964 legte SED-Chef Ulbricht dann den Standort am Alex fest – als zentrales Symbol der Stärke der DDR. Kosten: 33 Millionen DDR-Mark.

Draußen im Wind, oberhalb der Kugel des Fernsehturms

Es herrschte ziemliches Chaos, überstürzt wurden Häuser abgerissen, die Kosten liefen aus dem Ruder, sogar eine staatliche Bank stellte sich quer. Das mit der Genehmigung wurde nachgeholt, und mit zehn Monaten Verspätung war der elegante 31.000-Tonnen-Koloss fertig – Kosten: 130 Millionen Mark, viermal teurer als geplant.

Aber der Turm steht und macht keine Probleme. „Das ist alles sehr sauber gearbeitet“, sagt Torsten Brinkmann und öffnet eine schwere Stahltür. Wie sind oberhalb der Kuppel, und dort draußen in 246,28 Meter Höhe sind Dutzende Antennen. Es ist nur ein kleiner Schritt auf die Außenplattform, dann stehen wir unter freiem Himmel, unter uns nur ein eiserner Gitterrost. Der Wind pfeift, doch der Turm ist ja rund und ein Stück weiter ist Windschatten.

Und was ist ganz oben in der Spitze?

Wieder zurück im Inneren sagt Brinkmann: „Wir sind längst nicht oben.“ Er zeigt einen Raum, in dem sechs oberschenkeldicke Antennenkabel in die rot-weiß gestreifte Antenne des Turms führen. Er macht das Licht an. „Das sind noch mal 118 Meter.“ Doch weiter hinauf geht es nicht. Er selbst war schon mal ganz oben in der Spitze. „Die hat einen Durchmesser von 1,80 Meter“, erzählt er. „Da oben gibt es eine Luke wie bei einem Panzer. Da kann man rausschauen.“ Er lächelt wissend.

Dann kommt der Höhepunkt des Rundgangs. Der Aufzug stoppt bei 90,01 Meter. Es geht in die Zwischenetage mitten im Schaft des Turms. „Eigentlich ist das Ganze nicht nur ein Bauwerk“, sagt Brinkmann. „Es sind zwei. Es gibt den Teil mit den Fahrstühlen, dieser Bau hat ein eigenes Fundament. Und ringsherum gibt es ein Ringfundament, auf dem der lange Schaft aus Beton steht.“

Beeindruckend und unerwartet

Der Raum ist hoch, die Stimmen hallen weit, die Akustik ist wunderbar, ein Aufzug surrt leise vorbei. Der Blick nach oben verliert sich in der Dunkelheit. Der Raum ist wirklich das Beeindruckendste, weil man oft vergisst, dass der Turm ein riesiges hohles Betonrohr ist, das da seit 50 Jahren mitten in Berlin steht. Brinkmann lehnt sich an den Beton: „Bei anderen Bauwerken bröselt das Material, Stichwort Betonkrebs. Aber all das haben wir hier nicht.“

Bleibt nur noch eine Frage: Wo steht sein Lieblingsturm Nr. 2?

Brinkmann überlegt und erzählt, dass er alle Türme in Deutschland kennt. „Auch beim Urlaub im Ausland ist der erste Weg zu den Türmen.“ Gern würde er den 600 Meter hohen Canton-Tower im chinesischen Guangzhou sehen. „Aber ansonsten? Der Hamburger Fernsehturm gefällt mir gut. Meine Nr.2.“