Fest der Landesvertretung NRW: Eine blaue Armee aus Politikern

In der Hiroshimastraße im Stadtteil Tiergarten zeigte sich Berlin am Dienstagabend ganz in blau.

Auch die Kanzlerin trug blau - stach allerdings aus der Menge heraus

Das Fest der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen lockte eine schier unglaubliche Menge an Variationen der Politikertracht nachtblauer Anzug-hellblaues Hemd-dunkle Krawatte auf die Straße. Die blaue Armee bestand aus Männern jeden Alters. Vielen gemein war darüber hinaus ein deutliches Untergewicht.

Sind Männer heute dünner als früher, fragte ich mich. Der nahezu feiste Franz-Josef Strauß-Typ ist Geschichte, das Modell Macht = Masse, das Helmut Kohl demonstrierte, finden wir in den USA. Aber bei uns? Nur Männlein unterschiedlicher Körpergröße, die durch Türritzen passen.
Selbstverständlich nehmen solche Männer auf Festen wie am Dienstag vor allem Männer wahr, denn sie wollen ja Karriere machen und auf dem Weg nach oben begegnen ihnen wenige, sehr wenige Frauen. Frau dient eher als Deko – wenn sie blond und mit hohen Absätzen versehen ist. Wie wohltuend war es, als die Kanzlerin auftauchte. Eine Artgenossin!

Nicht Größe 36 im Alter von 65 Jahren, sondern ein normaler Mensch, außer dass sie natürlich von vielen Blauschnöseln umgeben war. Das muss hart sein. Sie hatte einen hellblauen Blazer an, weshalb man sie auch auf Entfernung gut erkennen konnte.

Die Menschen in NRW sind von Berlin nicht begeistert

Als Westfälin hatte ich mich auf den Abend gefreut. Meine Heimat präsentierte sich in Berlin. Da sollte die blaue Armee doch mal schauen: Es gab Erbsensuppe aus der Gulaschkanone der Bochumer Malteser und die Mundart-Karnevals-Band „Die Höhner“ zum Anheizen der Party. Außerdem hier ein bisschen Wurst und dort NRW-Oliven in grün und schwarz. Man muss ja mit der Zeit gehen.

Im Allgemeinen sind die Menschen in NRW von Berlin nicht begeistert. Die Rheinländer denken eh, dass Köln die beste Stadt der Welt ist und wer in Westfalen, zum Beispiel in Niederntudorf wohnt, geht ungern woanders hin, denn die Luft riecht zu Hause einfach besser.

Zum Glück ist die blaue Armee aus Politikern nur eine kurzweilige Erscheinung

Etwas zerrissen verließ ich das Fest mit einem Täschchen in der Hand, dem obligatorischen Abschiedsgeschenk auf derlei Festen. Dort drin lagen Taschentücher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe und ein Pfannenheber aus dünnem Holz der Metro.

Ein paar Pfefferminzbonbons der LBS reichte ich im Bus einem Typen mit Zippelbart, Stoppelhaaren und Jeansklamotten weiter, mit dem meine Freundin und ich an der Haltestelle auf den verspäteten Bus geschimpft hatten. Er schnitt mir, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, während der Fahrt im Bus mit seinem Leatherman das Festbändchen vom Handgelenk. Eindlich ein richtiger Mann – war ich froh, dass die blaue Armee in Berlin nur eine punktuelle Erscheinung ist.